Jemand stieg auf einen Baum
und schüttelte auf Diebesart die Früchte kräftig herunter.

 

Der Besitzer des Obstgartens kam vorbei und sagte:
„ O du Schurke, wo bleibt deine Gottesfurcht? Was tust du da?“

 

Der Dieb antwortete: „Wenn ein Diener Gottes in Gottes Obstgarten
die Datteln isst, die Gott ihm als Geschenk gegeben hat,

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Kann man ihm doch keine Schuld geben!
Das ist Knickrigkeit am Tisch des Reichsten Herrn!“

 

„O Aybak", sagte der Besitzer, „hole das Seil,
damit ich diesem Bu’l-Hasan die Antwort geben kann.“

 

Sofort band er den Dieb am Baum fest und prügelte
mit einem Knüppel heftig auf seinen Rücken und seine Beine ein.

 

Der Dieb rief: „Bitte, habe etwas Ehrfurcht vor Gott!
Du tötest mich Unschuldigen elendiglich.“

 

Der Besitzer antwortete: „Mit Gottes Knüppel
schlägt Sein Diener auf den Rücken eines anderen Dieners.

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Es ist Gottes Knüppel und der Rücken und die Flanken gehören Ihm.
Ich bin nur ein Sklave und ein Instrument Seines Befehls.“

 

Der Dieb sagte: „O du Draufgänger, ich schwöre dem Fatalismus ab:
Es gibt freien Willen, es gibt freien Willen, es gibt freien Willen.“

 

Gottes Wahlfreiheit hat unsere Wahlfreiheit erschaffen;
Seine Wahlfreiheit ist wie ein im aufgewirbelten Staub versteckter Reiter.

 

Seine Wahlfreiheit schafft unsere Wahlfreiheit;
Sein Befehl gründet sich auf unsere Wahlfreiheit.

 

Jedes Geschöpf trägt die Macht in sich,
über Dinge zu herrschen, die keinen freien Willen haben.

 

Es zieht die willenlose Beute hinter sich her;
es packt Zayd am Ohr und führt ihn weg.

 

Doch es ist das Werk des Herrn, das aus seinem freien Willen
ohne jedes Instrument ein Fangseil macht.

 

Gottes freier Willen macht das Geschöpf zur Fessel für Zayd;
Gott macht es ohne Hund oder Falle zu Seiner Beute.

 

 

Aus: Rūmī, Maṯnawī, 5. Buch.

Urheberrecht: Übersetzergemeinschaft Meyer, Dalir Azar, Sohrabi