Erklärung der Überlieferung des Propheten - Friede sei mit ihm: "Im Islam gibt es kein Mönchstum."

 

"Reiße dir nicht die Federn aus, löse dein Herz von ihnen,
denn ein Feind ist die notwendige Voraussetzung für den Kampf.

575

Wenn es keinen Feind gibt, ist Kampf unvorstellbar;
wenn du keine Begierde hast, kann es keinen Gehorsam geben.

 

Wenn du keinen Wunsch hast, brauchst du keine Geduld;
wenn es keinen Gegner gibt, für was brauchst du dann List?

 

Höre, kastriere dich nicht selbst, werde kein Mönch 1,
denn Keuschheit ist das Pfand der Lust.

 

Ohne Begierde ist es unmöglich, Begierde zu verbieten;
gegenüber Toten kann man nicht heldenhaft sein.

 

Gott hat gesagt: "Spendet!" 2; also erwirb etwas,
denn du kannst nichts spenden, ohne vorher etwas eingenommen zu haben.

580

Auch wenn Er das Wort "Spendet!" unbedingt gebraucht hat,
lies es als "Erwirb, und spende dann."

 

Ähnlich muss es, da der König den Befehl "Duldet!" 3 gegeben hat,
ein Begehren geben, von dem du dich abwenden sollst.

 

Deshalb gilt "Esset!" 4 der Falle des Appetits;
danach kommt "Schweifet nicht aus!" 5, und das heißt Mäßigung.

 

Wenn es kein Prädikat gibt,
ist die Existenz eines Subjekts unmöglich.

 

Wenn du den Schmerz der Geduld nicht kennst,
gibt es keine Bedingung für eine Belohnung.

585

Wie bewundernswert ist diese Bedingung und wie erfreulich die Vergeltung,
eine herzerquickende und belebende Belohnung!

 

Warum Gott die Belohnung ist, die Er für das Werk des Liebenden verleiht

 

Für die Liebenden ist Er Freude und Kummer;
Er ist der Lohn und die Heuer für ihren Dienst.

 

Wenn es für sie eine andere Sehenswürdigkeit als den Geliebten gibt,
so ist das keine Liebe, sondern eitle Leidenschaft. 6

 

Die Liebe ist eine Flamme,
die beim Auflodern alles außer dem Geliebten verzehrt.

 

Der Liebende zückt das Schwert des Nichts 7 , um alles außer Gott zu töten,
bedenke also, was nach dem Nichts noch bleibt.

590

Es bleibt außer Gott: alles andere ist vergangen.
Heil dir, o mächtige Liebe, Zerstörerin der Vielgötterei!

 

Wahrlich, Er ist der Erste und der Letzte.
Sieh, dass Vielgötterei nur aus einem doppelt sehenden Auge entspringt.

 

Es wäre ein Wunder, wenn es etwas Schönes gäbe, das kein Abbild von Ihm ist.
Der Körper bewegt sich nur durch die Seele.

 

Der Körper, der Mängel in seiner Seele hat, wird niemals lieblich sein,
auch wenn du ihn mit Honig einschmierst.

 

Das weiß, wer eines Tages lebendig war
und einen Becher von dieser Seele der Seelen erhalten hat.

595

Wessen Augen Sein Antlitz jedoch noch nicht gesehen haben,
dem erscheint die Hitze des Rauches als Seele.

 

Da er 'Omar 'Abd ol-'Azïz nie gesehen hat,
erscheint ihm sogar Hajjaj 8 als gerecht.

 

Da er die Festigkeit des Drachen Moses nie gesehen hat,
bildet er sich ein, dass Leben in den Zauberstricken ist.

 

Der Vogel, der niemals klares Wasser getrunken hat,
bleibt mit Flügeln und Federn im Salzwasser.

 

Man kann den Gegensatz nur durch seinen Gegensatz erkennen;
wenn man geschlagen wurde, kennt man Zärtlichkeit.

600

Deshalb ist das gegenwärtige Leben zuerst da,
damit du das Reich des Alast 9 schätzen lernst.

 

Wenn du vom Diesseits befreit wirst und zum Jenseits gehst,
wirst du Gott für die Süße der Ewigkeit dankbar sein.

 

Du wirst sagen: Dort unten habe ich Staub gesiebt
und bin vor dieser reinen Welt geflohen.

 

Ach, wäre ich doch früher gestorben,
dann wäre ich im Schmutz weniger gequält worden!

 

1 Überlieferung des Propheten
2 Koran II:195
3 Koran III:200
4 Koran VII:31
5 Koran VII:32
6 Überlieferungen des Propheten
7 Die Verneinung aus: "Es gibt keinen Gott außer Gott"
8 Tyrannischer Herrscher im Irak
9 Der Urbund zwischen Gott und dem Menschen

Aus: Rūmī, Maṯnawī, 5. Buch.

Urheberrecht: Übersetzergemeinschaft Meyer, Dalir Azar, Sohrabi