Wenn ein betrunkener Kerl das Blut eines mutigen Löwen getrunken hat,
wirst du sagen, dass der Wein das getan hat, nicht er.
 

Und wenn er goldene Worte von sich gibt, wirst du sagen,
dass der Wein diese Worte gesprochen hat.

2120

Wein kann diese Störungen und diesen Aufruhr anrichten;
hat das Licht Gottes nicht die Tugend und Macht,

 

Dich vollständig selbstvergessen zu machen,
so dass du darnieder liegst und Er die erhabenen Worte sagt?

 

Auch wenn die Lippen des Propheten den Koran diktiert haben -
wer sagt, Gott hat ihn nicht gesprochen, ist ein Ungläubiger.

 

Als der Homā 1 der Selbstvergessenheit aufflog,
begann Bāyazīd wieder, diese Worte zu sagen.

 

Die Flut des Staunens hatte seinen Verstand weggespült;
er sprach noch heftiger als zuvor:

2125

"Unter meinem Mantel ist nichts als Gott;
wie lange willst du noch auf der Erde und im Himmel suchen?"

 

Alle Jünger gerieten außer sich
und stießen ihre Messer in seinen heiligen Körper.

 

Wie die Ketzer von Gerdkūh 2
stachen alle rücksichtslos auf ihren spirituellen Führer ein.

 

Jeder, der einen Dolch in den Šayḫ stach,
fügte seinem eigenen Körper eine Wunde zu.

 

Auf dem Körper des Weisen gab es keine Spur,
während die Jünger verwundet und in Blut getränkt waren.

2130

Wer in Bāyazīds Kehle stach, musste zusehen,
wie seine eigene Kehle durchgeschnitten wurde, und starb elendiglich.

 

Und wer ihm in die Brust stach,
dessen eigene Brust wurde geöffnet und der war für immer tot.

 

Und wer mit diesem mit Gott Vereinten vertraut war
und nicht das Herz hatte, kräftig zuzustechen,

 

Dem wurden vom Halbwissen die Hände gebunden,
so dass sein Leben gerettet und er nur verletzt wurde.

 

Der Tag brach an und die Reihe der Jünger hatte sich gelichtet;
Klageseufzer stiegen aus ihren Häusern auf.

2135

Tausende Männer und Frauen kamen zu Bāyazīd und sagten:
"O du, unter dessen einem Hemd beide Welten Platz finden,

 

Wenn dein Körper ein menschlicher Körper wäre,
wäre er wie ein menschlicher Körper von den Dolchen zerstört worden."

 

Ein Egoist begegnete einem Selbstlosen im Kampf:
Der Egoist stach sich selbst einen Dorn ins Auge.

 

O du, der die Selbstlosen mit einem Schwert niedersticht,
du stichst deinen eigenen Körper damit. Hüte dich!

 

Denn der Selbstlose ist entworden und sicher;
er lebt bis in alle Ewigkeit in Sicherheit.

2140

Seine Form ist vergangen und er ist ein Spiegel geworden;
darin gibt es nichts als das Abbild eines anderen Gesichts.

 

Wenn du darauf spuckst, spuckst du dir selbst ins Gesicht,
und wenn du auf den Spiegel schlägst, schlägst du dich selbst.

 

Und wenn du ein hässliches Gesicht darin siehst, dann bist du es;
und wenn du Jesus und Maria siehst, dann bist du es.

 

Der Spiegel ist weder dies noch das; er ist einfach.
Er hält dir dein Bild vor.

 

Wenn die Rede an diesen Punkt gelangt, schließen sich die Lippen.
Wenn die Feder diesen Punkt erreicht, zerbricht sie.

2145

Schließe deine Lippen. Auch wenn du redegewandt bist,
gib kein Wort von dir - und Gott kennt den Weg am besten.

 

O du, der trunken vom Wein ist, du stehst am Rande des Daches;
setz dich hin oder steige herunter, und Friede sei mit dir!

 

Halte jeden entzückenden Augenblick,
in dem du Vereinigung genießt, für den Rand des Daches.

 

Zittere aus Angst um diesen entzückenden Augenblick;
verbirg ihn wie einen Schatz, mache ihn nicht bekannt.

 

Hüte dich, damit nicht plötzlich Elend über deine Liebe kommt
und gehe sehr vorsichtig in dieses Versteck.

2150

Die Angst des Geistes vor dem Verlust dieses Augenblicks der Wonne
ist das Zeichen dafür, dass er vom verborgenen Dachrand absteigt.

 

Wenn du den geheimnisvollen Dachrand nicht siehst,
so sieht der Geist ihn doch, denn ihn schaudert es.

 

Jede plötzlich auftretende Strafe
hat am Rand des Ecktürmchens der Wonne stattgefunden.

 

Tatsächlich fällt man nur vom Dachrand herab;
lasse dich vom Schicksal des Volkes Noahs und des Volkes Lots warnen.

 

 

Warum dieser unverschämte Mann in der Gegenwart des Propheten - Friede sei mit ihm - so beredt und geschwätzig war

 

Als der Strahl der grenzenlosen Trunkenheit des Propheten seinen Gegner traf,
wurde auch dieser dumme Kerl trunken und ausgelassen.

2155

Natürlich wurde er infolge seiner Heiterkeit auch redselig;
der trunkene Mann ließ es an Respekt fehlen und begann zu fantasieren.

 

Trunkenheit richtet nicht bei jeder Gelegenheit Unheil an,
doch unkultivierte Leute werden davon noch ungehobelter.

 

Wenn der Weintrinker vernünftig ist, bleibt er höflich,
aber wenn er ein schlechtes Wesen hat, wird das nur noch schlimmer.

 

Doch weil die Mehrheit schlecht und verkommen ist,
wurde allen der Wein verboten.

 

1 Mythischer Glück bringender Vogel
2 Berg in Persien, auf dem die Burg der Assassinen stand

Aus: Rūmī, Maṯnawī, 4. Buch.

Urheberrecht: Übersetzergemeinschaft Meyer, Dalir Azar, Sohrabi