Die Geschichte eines Liebenden, der in der Gegenwart seiner Geliebten einen Liebesbrief durchlas und wie dies der Geliebten missfiel. Es ist schändlich, den Beweis in der Gegenwart des Bewiesenen zu suchen, und eine Schande, sich mit Wissen zu beschäftigen, nachdem man den Gegenstand des Wissens erreicht hat

 

Ein gewisser Mann zog, als ihn seine Geliebte neben sich sitzen ließ,
einen Brief hervor und las ihn ihr vor.

 

Der Brief war voller Verse und Lob und Preis,
Klagen und Elend und vieler bescheidener Bitten.

 

Die Geliebte sagte: "Wenn das für mich geschieht,
so ist es zur Zeit unserer Vereinigung Zeitverschwendung.

 

Ich bin hier neben dir und du liest einen Brief!
Das ist jedenfalls nicht das Kennzeichen der Liebenden."

1410

Er antwortete: "Du bist hier anwesend,
aber ich kann mich nicht richtig erfreuen.

 

Was ich letztes Jahr für dich gefühlt habe,
ist jetzt nicht mehr da, obwohl ich mit dir vereint bin.

 

Ich habe kaltes Wasser von dieser Quelle getrunken,
ich habe Auge und Herz mit ihrem Wasser erfrischt.

 

Ich sehe die Quelle, doch das Wasser ist nicht da;
vielleicht hat ein Wegelagerer mein Wasser gestohlen."

 

Sie sagte: "Dann bin ich nicht deine Geliebte:
Ich bin in Bulġār und der Gegenstand deines Sehnens ist in Qotū. 1

1415

Du bist in mich und in ein Gefühl verliebt;
das Gefühl ist nicht in deiner Hand, o junger Mann.

 

Deshalb bin ich nicht das Ganze dessen, was du suchst;
ich bin in diesem Augenblick nur ein Teil des Gegenstands deiner Suche.

 

Ich bin das Haus deiner Geliebten, nicht die Geliebte;
die Liebe gilt dem Geld, nicht der Schatulle."

 

Der Geliebte ist dein Einziger,
dein Anfang und dein Ende.

 

Wenn du ihn findest, wirst du nichts anderes mehr erwarten;
er ist gleichzeitig das Offenbare und das Geheimnis.

1420

Er ist der Herr der Gefühlszustände, er ist nicht von einem Zustand abhängig:
Monat und Jahr sind die Sklaven des Mondes.

 

Wenn er einen Zustand wünscht, befiehlt er ihn;
wenn er will, macht er aus Körpern Geist.

 

Wer unterwegs anhält, ist nicht am Ziel;
er sitzt, wartet und sucht nach einem Zustand.

 

Die Hand des Vollkommenen ist das Elixier, das den Zustand verwandelt:
Wenn er seine Hand bewegt, wird das Kupfer trunken von ihm.

 

Wenn er will, wird sogar der Tod süß;
Dornen und Stacheln werden zu Narzissen und Wildrosen.

1425

Wer von einem Zustand abhängig ist, ist noch ein menschliches Wesen;
in einem Augenblick macht ihn der Zustand größer, im nächsten kleiner.

 

Zum Beispiel wird der Sufi "Sohn der Zeit" genannt,
doch der Reine beschäftigt sich nicht mit "Zeit" und "Zustand".

 

Zustände sind von seiner Entscheidung und seinem Urteil abhängig;
sie werden durch seinen messiasgleichen Atem belebt.

 

"Du bist in deinen Zustand verliebt, du bist nicht in mich verliebt;
du hängst an mir in der Hoffnung auf diesen Zustand."

 

Wer in einem Augenblick mangelhaft und im nächsten vollkommen ist,
ist nicht Der, Den Halīl 2 verehrt hat: Er ist einer, der untergeht.

1430

Und wer dem Untergang geweiht und bald dieses, bald jenes ist,
ist nicht der Geliebte: "Nicht liebe ich, was untergeht." 3

 

Wer bald angenehm, bald unangenehm ist,
in einem Augenblick Wasser und im nächsten Feuer.

 

Er mag das Haus des Mondes sein, aber er ist nicht der Mond;
er mag das Abbild des Geliebten sein, doch er weiß es nicht.

 

Der Sufi, der nach Reinheit strebt, ist der Sohn der Zeit:
Er hängt am Augenblick wie der Sohn am Vater.

 

Der Reine ist im Licht des Glorreichen versunken;
er ist niemandes Sohn, frei von Zeiten und Zuständen

1435

Versunken im Licht, das nicht gezeugt wurde:
Er zeugt nicht und wird nicht gezeugt 4 steht nur Gott zu.

 

Gehe und suche solch eine Liebe, wenn du lebendig bist;
sonst bist du ein Sklave der veränderlichen Zeit.

 

Beachte deine hässliche oder schöne Form nicht;
beachte die Liebe und den Gegenstand deiner Suche.

 

Beachte die Tatsache nicht, dass du verachtenswert
oder schwach bist; schaue auf dein Streben, o Edler.

 

In welchem Zustand du dich auch befindest, suche weiter;
o du mit den trockenen Lippen, suche immer nach dem Wasser.

1440

Denn deine trockenen Lippen legen Zeugnis dafür ab,
dass sie schließlich die Quelle erreichen werden.

 

Die Trockenheit der Lippen ist die Botschaft des Wassers,
dass diese Ruhelosigkeit dich gewiss zu ihm bringen wird.

 

Denn diese Suche ist eine gesegnete Bewegung;
diese Suche tötet die Hindernisse auf dem Pfad zu Gott.

 

Diese Suche ist der Schlüssel zu den Dingen, die du suchst;
das ist die Armee und dein siegreiches Banner.

 

Diese Suche ist die frohe Botschaft im Dunkeln,
dass der Tagesanbruch bevorsteht.

1445

Obwohl du keine Ausrüstung besitzt, suche immer weiter:
Ausrüstung ist auf dem Pfad des Herrn nicht notwendig.

 

Wen immer du mit dieser Suche beschäftigt siehst, o Sohn,
werde dessen Freund und lege dein Haupt vor ihm nieder.

 

Denn dadurch, dass du ein Nachbar der Sucher bist, wirst du selbst ein Sucher,
und im Schatten der Eroberer wirst du selbst ein Eroberer.

 

Wenn eine Ameise Salomos Rang angestrebt hat,
dann schaue nicht verächtlich auf ihre Suche.

 

Alles, was du an Reichtum und Fertigkeit hast -
war es nicht zuerst eine Suche und ein Gedanke?

 

1 Bulġār: Gebiet im Nordwesten des Iran, Qotū: Nicht eindeutig geographisch zu identifizieren, nach Meinung einiger in Turkmenistan. Hier soll große Ferne ausgedrückt werden.
2 Abraham
3 Koran VI:76
4 Koran CXII:3

 

Aus: Rūmī, Maṯnawī, 3. Buch.

Urheberrecht: Übersetzergemeinschaft Meyer, Dalir Azar, Sohrabi