Wie der Schakal in das Farbfass fiel und mit vielen Farben gefärbt wurde und bei den Schakalen vorgab, ein Pfau zu sein

 

Ein gewisser Schakal stieg in das Farbfass
und blieb eine Weile in dem Fass,

 

Dann stieg er heraus, seine Haut war mehrfarbig geworden,
und er sagte: "Ich bin der Pfau von 'Illiyyīn 1 geworden."

 

Sein gefärbtes Fell hatte einen bezaubernden Glanz erhalten
und die Sonne schien auf diese Farben.

 

Er sah, dass er grün und rot und braun und gelb war;
so präsentierte er sich den Schakalen.

725

Sie sagten alle: "O kleiner Schakal, was ist los,
welche Freude ist dir zu Kopf gestiegen?

 

Wegen dieser Freude hast du dich von uns abgewendet;
warum bist du so arrogant geworden?"

 

Einer der Schakale ging zu ihm und sagte: "O Soundso,
täuschst du uns oder bist du wirklich einer von denen, die sich an Gott erfreuen?

 

Du hast uns getäuscht, damit du auf die Kanzel steigen
und diese Leute mit deinem Gerede traurig machen kannst.

 

Du hast dich sehr angestrengt und doch keine Leidenschaft verspürt;
deshalb hast du zur Täuschung Überheblichkeit an den Tag gelegt."

730

Leidenschaft gehört zu den Gottesfreunden und Propheten;
andererseits ist Unverschämtheit die Zuflucht jedes Hochstaplers;

 

Denn die ziehen die Aufmerksamkeit der Leute mit den Worten auf sich:
"Wir sind selig", obwohl sie innerlich äußerst unglücklich sind.

 

 

Wie ein Prahler seine Lippen und seinen Schnurrbart jeden Morgen mit der Haut eines fetten Schafschwanzes einfettete und zu seinen Kameraden ging und sagte: "Ich habe dies und jenes gegessen."

 

 

Eine gering geschätzte Person
pflegte ihren Schnurrbart jeden Morgen einzufetten,

 

Und zu den Wohlhabenden zu gehen und zu sagen:
"Ich habe bei jener Gesellschaft gute, fette Speisen gegessen."

 

Fröhlich pflegte er seine Hand zum Beweis auf seinen Schnurrbart zu legen,
was bedeuten sollte: "Schaut auf meinen Schnurrbart!

735

Denn er ist der Zeuge für die Wahrheit meiner Worte und das Zeichen dafür,
dass ich fette und köstliche Speisen gegessen habe."

 

Sein Bauch pflegte ohne Töne zu antworten:
"Möge Gott die Komplotte der Lügner zunichte machen!

 

Deine Angeberei hat mich entzündet;
möge dir dein fettiger Schnurrbart ausgerissen werden!

 

Gäbe es deine faule Prahlerei nicht, o Bettler,
hätte sich ein großzügiger Mensch schon meiner erbarmt;

 

Und wenn du deine Not gezeigt und nicht falsch gespielt hättest,
hätte ein Arzt ein Gegenmittel zubereitet."

740

Gott hat gesagt: "Versuche nicht, etwas vorzutäuschen:
Die Wahrhaftigkeit wird den Wahrhaftigen frommen. 2

 

Verzerre nicht deinen Schlaf, wenn du einen nächtlichen Samenerguss gehabt hast;
enthülle, was du hast, und verhalte dich wohl . 3

 

Oder wenn du deinen Fehler nicht zugibst, enthalte dich wenigstens des Geredes;
töte dich nicht selbst durch Prahlerei und Betrug.

 

Wenn du Gold gefunden hast, rede nicht darüber;
es gibt Prüfsteine auf dem Pfad,

 

Und auch die Prüfsteine
werden auf ihren Zustand überprüft.

745

Gott hat gesagt: "Von der Geburt bis zum Tod
werden sie in jedem Jahr einmal oder zweimal geprüft
." 4

 

Es gibt Prüfung auf Prüfung, o Vater;
hab acht, gib dich nicht mit der kleinsten Prüfung zufrieden.

 

1 Ein Ort im Siebten Himmel.
2 Koran V:119
3 Koran XI:112
4 Koran IX:126

Aus: Rūmī, Maṯnawī, 3. Buch.

Urheberrecht: Übersetzergemeinschaft Meyer, Dalir Azar, Sohrabi