Wie die Maus am Nasenring des Kamels zog und sich etwas darauf einbildete

 

Eine kleine Maus verfing sich mit den Vorderfüßen
in einem Kamelzügel und lief los.

 

Die Bereitschaft, mit der das Kamel hinter ihr her lief,
verleitete die Maus dazu, sich für einen Helden zu halten.

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Der Strahl ihres Gedankens traf das Kamel.
Es dachte: "Ich werde es dir zeigen! Viel Spaß!"

 

So kamen sie zum Ufer eines großen Flusses,
vor dem jeder Löwe oder Wolf kapituliert hätte.

 

Da hielt die Maus an und war wie gelähmt. Das Kamel sagte:
"O mein Gefährte über Berg und durch die Ebene,

 

Warum hältst du an? Warum bist du so erstaunt?
Schreite wie ein Mann voran! Gehe in den Fluss!

 

Du bist mein Führer und Leiter;
halte nicht unterwegs an und gib nicht auf!"

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Die Maus sagte: "Das ist ein riesiger und tiefer Fluss;
ich habe Angst davor, zu ertrinken, o Kamerad."

 

Das Kamel sagte: "Lass mich sehen, wie tief das Wasser ist",
und setzte schnell seinen Fuß hinein.

 

"Das Wasser", sagte es, " geht nur bis zum Knie.
O blinde Maus, weshalb bist du so bestürzt und hast deinen Mut verloren?"

 

Sie antwortete: "Für dich ist es eine Ameise, für mich ist es ein Drachen,
denn es gibt Unterschiede zwischen den Knien.

 

Wenn es dir nur bis zum Knie geht, o Ehrenwerter,
ist es doch hundert Ellen höher als der Scheitel meines Hauptes."

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Das Kamel sagte: "Das nächste Mal verhalte dich nicht so frech,
sonst verzehrt dieser Funken deinen Körper und deine Seele.

 

Wetteifere mit Mäusen wie du selbst;
eine Maus hat einem Kamel nichts zu sagen."

 

Sie sagte: "Ich bereue. Um Gottes willen,
bringe mich über dieses tödliche Wasser!"

 

Das Kamel hatte Mitleid. "Höre", sagte es,
"springe auf und setze dich auf meinen Höcker.

 

Ich kann diesen Fluss sicher überqueren;
ich könnte hunderttausend wie dich hinüber tragen."

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Da du kein Prophet bist, gehe auf ihrem Weg,
damit du eines Tages aus der Grube zu einem hohen Rang kommst.

 

Sei ein Untertan, weil du kein Herrscher bist;
steuere nicht selbst, weil du nicht der Bootsmann bist.

 

Weil du nicht vollkommen bist, führe den Laden nicht alleine.
Sei unter der Hand geschmeidig, damit du wie Teig wirst.

 

Höre auf "Und schweiget" 1, sei stumm;
da du nicht Gottes Zunge geworden bist, sei ein Ohr.

 

Und wenn du redest, rede in der Form einer Bitte um Erklärung;

sprich zu den Königen wie ein niedriger Bettler.

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Der Ursprung von Stolz und Hass liegt in Begierde,
und deine Begierde ist in der Gewohnheit verwurzelt.

 

Wenn eine schlechte Veranlagung durch Gewohnheit verhärtet wird,
wirst du auf jeden wütend, der sich dir widersetzt.

 

Wenn du ein Lehmesser geworden bist, ist jeder dein Feind,
der dich vom Lehm abhält.

 

Weil Götzenanbeter an den Götzen gewöhnt sind, sind sie die Feinde derer,
die ihnen den Weg zum Götzen verwehren.

 

Weil Eblïs es gewohnt war, ein Führer zu sein,
schaute er voller Unglaube auf Adam

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Und sagte: "Gibt es einen mir überlegenen Führer,
den so jemand wie ich verehren sollte?"

 

Macht ist Gift, außer für den Geist,
der von Anfang an voll des Gegengiftes ist.

 

Wenn der Berg voller Schlangen ist, fürchte dich nicht,
denn es gibt darin eine Mine mit dem Gegengift.

 

Wenn der Lieblingsgedanke deines Gehirns die Macht ist,
wird jeder, der dich daran hindert, zu einem Erbfeind.

 

Wenn jemand deiner Verfassung widerspricht,
entstehen in dir viele Gefühle des Hasses auf ihn.

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"Er reißt mir meine Veranlagung aus,
er macht mich zum Schüler und Gefolgsmann."

 

Wenn die schlechte Veranlagung nicht fest eingepflanzt wäre,
wie könnte dann durch unrechte Behandlung das Feuer des Zorns aufbrennen?

 

Vielleicht zeigt man dem Gegner etwas Höflichkeit,
vielleicht macht er einem in seinem Herzen Platz,

 

Denn die schlechte Veranlagung ist stark gewachsen; die Ameise der Begierde
ist durch die Gewohnheit zu einer Schlange geworden.

 

Töte die Schlange der Begierde am Anfang; sonst kannst du zusehen,
wie aus deiner Schlange ein Drachen wird.

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Doch jeder hält seine eigene Schlange für eine Ameise;
suche du die Erklärung deiner selbst bei einem Herzensmenschen.

 

Solange aus dem Kupfer kein Gold geworden ist, kennt es sich nicht als Kupfer; solange das Herz kein König geworden ist, kennt es sich nicht als mittellos.

 

Diene dem Elixier wie das Kupfer;
ertrage die Unterdrückung, o Herz, durch deinen Geliebten.

 

Wer ist der Geliebte? Wisse gut, dass es die Herzensmenschen sind,
die wie der Tag und die Nacht aus der Welt fliehen.

 

Suche bei den Dienern Gottes nicht nach Fehlern;
verdächtige den König nicht, ein Dieb zu sein.

 

Aus: Rūmī, Maṯnawī, 2. Buch.

Urheberrecht: Übersetzergemeinschaft Meyer, Dalir Azar, Sohrabi