Die Klage der Ney

 

Höre auf die Geschichte der Rohrflöte,
wie sie sich über die Trennungen beklagt:

  "Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde,
hat meine Klage Mann und Frau zum Weinen gebracht.
  Ich suche nach einer von der Trennung zerrissenen Brust,
der ich meinen Sehnsuchtsschmerz enthüllen kann.
  Jeder, der weit von seinem Ursprung entfernt ist, sehnt sich danach, wieder mit ihm vereint zu sein.

5

Vor jeder Gruppe in der Welt habe ich meine klagenden Noten gespielt, vor Unglücklichen und Frohen.
  Jeder hat sich für meinen Freund gehalten,
keiner hat meine inneren Geheimnisse gesucht.
  Mein Geheimnis ist nicht weit von meiner Klage entfernt,
doch es fehlt dem Auge und dem Ohr an Licht.
  Der Körper wird nicht von der Seele verhüllt, die Seele nicht vom Körper, doch niemand darf die Seele sehen."
 

Diese Töne der Rohrflöte sind nicht aus Wind, sondern aus Feuer;
wehe dem, der dieses Feuer nicht besitzt.

10

Das Feuer der Liebe ist in der Flöte,
die Glut der Liebe liegt im Wein.
  Die Flöte ist der Freund all derer, die von ihrem Freunde getrennt wurden; ihre Melodien zerreißen unsere Schleier.
  Hat man jemals ein Gift und Gegengift wie die Flöte gesehen?
Hat man je einen Verehrer und Liebenden wie sie gesehen?
  Die Flöte erzählt von dem blutigen Pfad
und berichtet über Mağnūns Leidenschaft.
  Vertraut mit dem Sinn ist nur der Sinnenlose,
die Zunge hat nur das Ohr zum Kunden.

15

In unserem Leid sind die Tage vergangen, unsere Tage
reisen Hand in Hand mit den brennenden Schmerzen.
  Wenn unsere Tage auch vergehen, lasse sie ziehen, es macht nichts,
mögest Du nur bleiben, denn nichts ist heiliger als Du!
  Nur ein Fisch wird nie von seinem Wasser satt;
wer sein täglich Brot nicht hat, findet den Tag lang.
  Das Unreife kann den Zustand des Reifen nicht verstehen,
deshalb muss ich mich kurz fassen, lebe wohl!
  O Sohn, sprenge deine Ketten und sei frei!
Wie lange willst du noch von Silber und Gold gefangen sein?

20

Wie viel kann ein Krug aufnehmen, wenn du das Meer in ihn füllst?
Einen Tagesvorrat.
  Der Krug, das Auge des Begierigen, wird niemals voll;
die Muschel wird erst mit Perlen gefüllt, wenn sie zufrieden ist.
  Von Begierde und Unvollkommenheit wird nur gereinigt,
wem eine mächtige Liebe das Gewand zerrissen hat.
  Heil dir, o Liebe, du bringst uns Gewinn -
du bist der Arzt für alle unsere Krankheiten,
  Die Medizin gegen unseren Hochmut und unsere Ruhmsucht,
unser Plato und unser Galen!

25

Die Liebe ließ den irdischen Leib zum Himmel schweben,
der Berg begann zu tanzen und zerbarst.
  Die Liebe inspirierte den Berg Sinai, O Liebender,
sodass Sinai trunken wurde und Moses ohnmächtig niederstürzte.
  Wäre ich mit der Lippe meines Geliebten verbunden,
würde auch ich wie die Flöte alles erzählen.
  Doch wer getrennt von dem ist, der seine Sprache spricht,
wird stumm, selbst wenn er hundert Lieder kennt.
  Wenn die Rose vergangen und der Garten dahin ist,
kannst du die Geschichte der Nachtigall nicht mehr hören.

30

Der Geliebte ist alles, der Liebende nur ein Schleier;
der Geliebte ist lebendig, der Liebende tot.
  Um wen sich die Liebe nicht kümmert,
der ist wie ein Vogel ohne Flügel; wehe dem Armen!
  Wie könnte ich voraus oder zurück schauen,
wäre nicht das Licht des Geliebten vor und hinter mir!
  Die Liebe will, dass dieses Wort ausgesprochen wird;
wie kommt es, dass der Spiegel nicht reflektiert?
  Weißt du, warum der Spiegel deiner Seele nichts widerspiegelt?
Weil der Rost nicht von seiner Oberfläche entfernt wurde.
35
O meine Freunde, hört diese Geschichte;
in Wirklichkeit ist sie das Wesen unseres inneren Zustandes.

 

 

Aus: Rūmī, Maṯnawī, 1. Buch.

Urheberrecht: Übersetzergemeinschaft Meyer, Dalir Azar, Sohrabi