Wie 'Azra'īl einen Mann ansah und dieser zum Palast Salomos floh; Darlegung der Überlegenheit des Gottvertrauens über die Anstrengung und deren Nutzlosigkeit

 

 

Eines Vormittags kam ein Edler
und rannte in Salomos Gerichtssaal,

 

mit vor Gram blassem Gesicht und blauen Lippen.
Da sagte Salomo: "Guter Herr, was ist geschehen?"

 

Er antwortete: "'Azra'īl hat mir einen Blick zugeworfen,
der voller Zorn und Hass war."

 

"Komm", sagte der König, "was wünschst du, sprich!"
"O Beschützer meines Lebens", sagte er, "befehle dem Wind,

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Mich von hier nach Indien zu tragen.
Vielleicht kann das Leben deines Sklaven dort gerettet werden."

 

Sieh, die Leute fliehen vor der Armut;
deshalb sind sie eine Beute für Gier und Geiz.

 

Die Angst vor Armut ist wie dieser Schrecken:
Gier und Ehrgeiz werden hier durch Indien symbolisiert.

 

Salomo befahl dem Wind, ihn schnell über das Wasser
in den hintersten Teil Indiens zu tragen.

 

Am nächsten Tag, zur Beratungszeit,
sagte Salomo zu 'Azra'īl:

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"Hast du jenen Moslem deshalb so zornig angesehen,
damit er weit weg von zu Hause herumwandert?"

 

'Azra'īl sagte: "Wann habe ich zornig geschaut?
Ich sah ihn im Vorübergehen und wunderte mich,

 

Denn Gott hatte mir befohlen:
Höre, nimm ihm heute sein Leben in Indien.

 

Verwundert dachte ich bei mir: Selbst mit hundert Flügeln
ist es eine lange Reise für ihn bis nach Indien."

 

Beurteile alle Angelegenheiten dieser Welt auf diese Art,
öffne deine Augen und sieh!

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Wovor sollen wir fliehen? Vor uns selbst? Welche Absurdität!
Wem sollen wir uns entziehen? Gott? Welches Unglück!

 

 

Aus: Rūmī, Maṯnawī, 1. Buch.

Urheberrecht: Übersetzergemeinschaft Meyer, Dalir Azar, Sohrabi