RumiMaulana
Galal ad-Din Mohammad Rumi

جلال‌الدین محمد رومی
 

geboren 1207 in Balkh (Afghanistan)

gestorben 1273 in Konya (Türkei)

Sohn des Muhammad ibn Husain Husaini ( Baha'uddin Walad), eines angesehenen Predigers und Juristen. Seine Mutter soll die Tochter des Herrschers von Khorassan gewesen sein.

1219: Einfall der Mongolen in Balkh, die Familie flieht Richtung Mekka. In Nischapur treffen sie den Mystiker Farid ad-Din Attar.

1228: Rumi heiratet und studiert in Konya bei seinem Vater, der einen Lehrstuhl für Islamwissenschaften an der Medrese hat.

1231 ff.: Sein Vater stirbt, er übernimmt den Lehrstuhl. Sayyid Burhan ad-Din Muhaqqiq Tirmidhi führt ihn in den Sufismus ein. Gemeinsam reisen sie nach Aleppo und Damaskus, wo sie Ibn 'Arabi treffen.

1244 ff.: Rumi lernt den Wanderderwisch Šams-e Tabrizi kennen. Es entwickelt sich eine intensive spirituelle Bindung; Rumi vernachlässigt seine Familie und seine Arbeit so sehr, dass Šams überredet wird, nach Syrien zu gehen.
Rumi trauerte sehr darüber, dass es Šams erlaubt wurde, wieder nach Konya zurückzukehren. Da sich die Situation dann aber wieder wie vorher entwickelte, verschwand Šams schließlich vollständig. Seit der Entdeckung eines großen Grabes (1958) mit eilig verschmierter seldschukischer Lehmverkleidung unter dem kleinen Heiligtum, das später zum Gedenken an  Šams erricht wurde, scheint bewiesen, dass er ermordet wurde - Rumis jüngerer Sohn scheint daran beteiligt gewesen zu sein. Unter dem Eindruck des Trennungsschmerzes verfasst Rumi sein lyrisches Werk.

1273: Nach seinem Tod wird Rumi in einem Mausoleum beigesetzt, das dem Mevlevi-Orden später als Versammlungsort diente. Heute ist es ein Museum, das Wahrzeichen von Konya und ein Wallfahrtsort.

 

Größter Dichter Persiens

Spucke findet keinen Pfad zum Himmel

VON ULRICH HOLBEIN

Die italienische Motorradmarke "Rumi" übertönt zeitweise Rumi. Auf Hafizbüchern steht: "Hafiz, größter Dichter Persiens", auf Rumititeln: "Rumi, größter Dichter Persiens". Orientalisten (R.A. Nicholson & A.J. Arberry) einigten sich auf the greatest pantheistic poet of mankind. Indeed, Rumis fluide Mystik glitzert anders als sonstige Schlaumeier- und Schmalspurmystik, der der Rest spirituell bedürftiger Welt unerleuchtbar frönt. Über der Fülle persischer Goethes - Firdusi (Persiens Homer), Nizami (Persiens Ovid), Saadi (Persiens Wieland), Fariduddin 'Attar (Persiens Lord Byron, Leopardi, Lukianos) - glänzt als Persiens Jean Paul: Rumi. Selbst Dante Alighieri, Ariost, Tasso haben Mühe, paritätisch mitzuhalten.

Eurozentrische Literaturgeschichtsschreibung ahnt nie, dass Essay und Digression, für deren Erfindung man Montaigne und Laurence Sterne rühmt, bereits von Rumi kühn geübt wurden -sein Mathnawi (auf Deutsch erhältlich): ein Myzel- und Mangrovengeflecht verfizzelter, schräg herumassoziierender Erzählfäden. Rumi, vom Gärtner erwischt, eine Rose zu stehlen, bekommt den ganzen Garten geschenkt. Ketzer fanden bei Rumi (der zunächst Muhammad Dschelaluddin Walad hieß) mehr Weisheit als im Koran. Rumiparabeln, statt wie die Gleichnisse anderer Metaphernschöpfer zu hinken, steigen auf, indem sie Eselschwänze an Engelsflügel heften, und drücken sich nicht um den Absturz: "Ein Esel, den du mit hundert Engelsflügeln ausstattest, fliegt doch nur wieder zum Stall." Das erläutert hinreichend, wieso das Reptilhirn immer wieder die Großhirnrinde übertölpelt und nicht nur heutige Sunniten, Schiiten, Schahs,Imame, urangeile Iraner neben Rumi arg unsublim ausschaun, dogmatisch, mittelalterlich, archaisch.

Rumi tut zwar so, als sei er vor 734 Jahren von uns gegangen, kommentiert aber weiterhin vorauseilend ALLES, was heut vor sich hin eskaliert, und sich sonst noch so tut: Von derart oben und innen blickt er auf die Dunja (Welt), die er als Dschuz-i la Yatagazza (Atom) bequem im Turban unterbringt, dass er selbst den mächtigsten Mann der Welt, den potenziellen Iranzerbomber G.W. Bush, als Fliege fortpustet, die am Steuerrad zu sitzen wähnt, ohne zu merken, dass ihr Schiff nur als Strohhalm auf der Urinpfütze eines Esels schwimmt.

Geistliche Oberhäupter kommen kaum gnädiger weg; Rumi weiß über Päpste und Dalai Lamas, die er "blinde Nachahmer" und "schlecht singende Vorbeter" schilt, Bescheid, als wären's bloß Maulkorbträger: "Gott warf ihnen keinen einzigen Knochen runter." Papamobile signalisieren Defizite im Tawakull (Gottvertrauen). Tasawwuf (Sufismus) heißt Takalluf loslassen (Künstelei, Wühlarbeit, Getue, Preziösität). Selbst Maulana Eckart wirkt neben Meister Rumi eng und trocken, begrifflich eingesperrt, Angelus Silesius a bisserl keusch, naiv, monochrom, x Nobelpreisträger und Geister arg untalentiert, 365 katholische Heilige heillos unoriginell und 21 christliche Ketzer peinlich linientreu. Eine der 1001 Flaschenpostinhalte Rumis: "Dein Verstand ist klein, und du kannst selbst diesen noch verlieren. Ein Kopf ohne Verstand wird zum Schwanz."

Falls es nicht gegen Brecht spricht, dass Ranicki ihn mag, tropft Handkes Neigung, Rumi zu lesen, an Rumi unschädlich ab. Isa (Jesus) rennt quer durch Rumis Mathnawi (Lehrepos, 1500Druckseiten), auf der Flucht vor der Dummheit; Gott vermag aus dem Nichts zwar das Wudschud (Dasein) zu zaubern, Berge zu versetzen, aber keinen Dummkopf klüger zu machen. Sufi-Softie Rumi polemisiert sogar gegen Machogesellschaft: "Wenn das hier Beischlaf sein soll, sind die Esel die Gewinner; unser Gattenpack verrichtet tief in unsrer Vulva nur die Notdurft."(Mathnawi, Buch 5, Vers 3393)

Kein Wunder, dass Prof. Annemarie Schimmel sowas unübersetzt ließ und dass Goethe im "Divan" lieber dem harmlosen Weinfreund Hafiz von Schiras (Persiens Li Tai Bo) seelenverwandt zuprostet und Rumi auswich. Schimmel präsentierte ein gutgemeint schattenloses Rumibild, und schon klang der entkoffeiniert evangelische Wüstensohn nach Musenalmanachpoesie 1775. Esoterische Nachdichter zitieren in ihren ökumenischen Hausapotheken neben Khalil Gibran, Laotse, Dorothee Sölle und Prof. Drewermann auch oft den unsagbar toleranten Rumi und kehren dessen suspekt talibankompatible Verse, in denen Rumi sich schier zynisch als Mordanstifter zeigt, unter den Perserteppich, à la: "Tatsächlich ist es gut für ihn, auf den Kopfgeschlagen zu werden, damit sein bisschen Seele vom unglücklichen Körper erlöst wird." (Mathnawi, 4, 1433) Dann wieder plädiert Rumi, meilenfern überregional üblicher Feindbildpflege, für (verbotenen) Weinrausch, weil man in ihm plötzlich Feinde küsst; statt Mongolen zur Achse des Bösen zu rechnen, lobt er den Schöpfer der Mongolen. Als hätten sie von Rumi nichts gelernt, reißen sich heute Türken und Afghanen - geographisch verbohrt statt mystisch erweitert - um Rumis Heimat wie Ravenna und Firenze um Dantes Knochen, wie Hindus und Muslime um den indo-muslimischen Mystiker Kabir; um Konja (antik: Ikonium), 1207 eine iranisch-persisch-arabisch, kappadokisch, byzantinisch, griechisch-römisch (daher Worte wie Rumi und rumänisch), kurdisch, polykulturell wie New York melting-pot-förmig durchgequirlte Metropole des kleinasiatischen Rum-Seldschukenreichs, heute Türkei, und Balch (1207 eine Art buddhistischer Puddingshop), heute Afghanistan.

Statt über Rumizitate zu stolpern à la "Schenk mir den Wein des Einsseins ein, dann sind mir Ka'aba und Götzentempel eins", oder dass er Gott weder in Kirchen noch Synagogen noch auf Bergen, in Büchern und Tempeln fand und - als Knalleffekt - auch nicht in Moscheen, feiern Muslime in aller Welt hingegeben soeben Rumis 800. Geburtstag (Kinder, wie die Zeit vergeht!) und ahnen ungern, dass Rumi, bei dem auch viel Gnosis, Zoroastrismus und Animismus durchschimmert, von ihrem Rumi-Bild erheblich abzuweichen sich erdreistet, gemäß der Sufiweisheit, der Päpste ungern zustimmen: Wie immer du dir Gott vorstellst, Gott weicht davon ab. Rumi als Muslim einzuengen, wär Blasphemie gegen - Rumi. Die eingesperrten Papageien und Elefanten seines Mathnawi träumen alle sehnsuchtsvoll von Indien, und Rumis (auch von Muslimen gern zitiertes!) Gleichnis vom Rüssel der Wahrheit, den zehn blinde Gottsucher betasten, stand bereits im Pali-Kanon.

Wenn Rumi von Gott redet, scheint er eher von Brahma zu reden, und sein Paradies duftet wundersam nach Fana (das arab.-pers. Nirwana). Sein Credo, dass seine Seele durch Stein, Kraut, Tier, Mensch bis zum Engel wandere, musizierte zwischen Hindus und Darwin. Derwisch Rumi antizipierte nicht nur Freuds Projektionstheorie, sondern auch C.G. Jungs "psychische Realität": "Gehirn und Vernunft bringen Felder und Gärten hervor". Rausch definierte er als "Baumeister des Jenseits". Rumis Relativitätstheorie (kein Wunder, als Sohn eines erotomanischen Atomtheoretikers, der huftan u hastan bzw. suhbat-i allah - Beischlaf mit Gott - anstrebte): "Keiner vermag zu erkennen, welche Größe eine Pupille in Wahrheit hat." Rumispart auch nicht mit irritierenden Tipps: "Es ist angemessen, für das Entzücken und das Vergnügen hundertausend Seelen zu verpulvern." (Mathnewi, 1, 2217) Rumi, mitten im allesgewährenden Monotheismus, kommentiert rückblickend sogar Kafka, Beckett, Bloch, die weiterhin umsonst auf Godot und Utopia warten: "Einige Leute sind jahrelang auf das Versprechen von ‚morgen' um diese Tür geirrt, aber ‚morgen' kommt nie." Adornos Kategorie "abgebrochener Transzendenz" drückt Rumi etwas bildhafter aus: "Die Hälfte der Geschichte ist mir im Mund geblieben." Trotz 76000 Doppelversen!

Aus: FR-online.de, 28.09.2007

Mit freundlicher Genehmigung des Autors