In den USA sind die Übertragungen von Rumis Versen durch Coleman Barks besonders beliebt. Er hat mit dazu beigetragen, dass Rumi der meist gelesene ausländische Dichter in den USA ist und dass eine Reihe von Künstlern (z.B. Madonna), sich Rumis Werken angenommen - oder sich seiner Werke bedient haben.

Majid Naficy würde wahrscheinlich die zweite Ausdrucksweise bevorzugen. In seinem Essay "Coleman Barks und Rumis Esel" setzt er sich kritisch mit Barks' Übersetzung auseinander, aber auch mit Rumis Liebesbegriff, seiner Haltung gegenüber Frauen und der Beziehung zwischen Meister und Jünger. Herr Naficy hat mir freundlicherweise gestattet, diesen Text ins Deutsche zu übersetzen und auf meiner Site zu veröffentlichen.

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Coleman Barks und Rumis Esel

Von Majid Naficy

Deutsche Übersetzung: Bernhard Meyer

 

I. Coleman Barks und Rumi

In der ersten Hälte des 20. Jahrhunderts wurden die sechs Bände von Rumis Matnawi und eine Auswahl seiner Gedichte von den britischen Gelehrten Reynold Nicholson und Arthur John Arberry ins Englische übersetzt; diese Werke waren vorwiegend in akademischen Kreisen bekannt. In letzter Zeit ist Coleman Barks’ englische Rumi-Version, besonders The Essential Rumi (Barks 1996) – Gegenstand dieser Kritik – bekannt und in den USA ein Bestseller geworden. Barks lernte Rumi erst 1976 kennen, als ihm der amerikanische Dichter Robert Bly eine Kopie von A.J. Arberrys Übersetzungen mit den Worten überreichte: "Diese Gedichte müssen aus ihren Käfigen befreit werden" (Barks 1996, S.190). Barks, der kein Persisch kann, schrieb zuerst einige der alten englischen Übersetzungen neu. Dann brachte Barks mit Hilfe einer bislang unveröffentlichten Übersetzung von John Moyne und dem Segen eines in den USA lebenden Sufi-Heiligen aus Sri Lanka, Bowa Muhaiyaddeen, eine neue englische Version von Rumi in freiem Vers heraus. Zweifellos hat Coleman Barks’ Version von Rumi diese Gedichte aus den Beschränkungen von Orientalistikabteilungen befreit, doch leider hat er sie, wie wir sehen werden, in den Käfig seines persönlichen Geschmacks gesperrt. Das Hauptproblem bei Coleman Barks liegt in der Tatsache, dass er mit seiner Version Rumi absichtlich verändert, vielleicht zum Besseren, jedoch durch Verzerrung und Entstellung. Er nähert sich Rumis Poesie als heiligen Texten, die ein ergriffener Anhänger vom Staub der Zeit reinigen und für den postmodernen New-Age-Markt im Westen aufbereiten muss. Die New-Age-Bewegung findet die Heilmittel für die moderne Entfremdung in alten Rezepten wie Horoskopen, außersinnlicher Wahrnehmung und Wahrsagerei. Coleman Barks selbst erwähnt in einem Nachwort zu seinem Buch (Barks 1996, S. 290) einige eigene mysteriösen Erlebnisse.

Der folgende Aufsatz beruht auf zwei Essays auf Persisch, "Rumi und Coleman Barks", veröffentlicht in "Nameh-ye Kanoon", dem literarischen Organ der Vereinigung Iranischer Schriftsteller im Exil (Vol. 15, Juli 2002) und "Rumi: Love for God vs Love for a Donkey" aus meinem Buch "In Search of Joy: A Critique of Death- Oriented and Male-Dominated Culture in Iran" (Baran Publishers, Schweden, 1990). Bitte beachten Sie, dass Rumis Sprache im dritten Kapitel stellenweise anzüglich erscheinen kann dieser Art. So wird ihm in seiner Kindheit auf wundersame Weise der Name "Kappadokien" bekannt, einer Region, die mit Konya in Verbindung steht, wo Rumi die meiste Zeit seines Lebens wohnte. Oder als Barks Bowa Muhaiydden begegnet, bemerkt er, dass der den Heiligen in einem Traum ein Jahr zuvor gesehen hatte. Man kann sich Rumis Poesie oder allen religiösen und mystischen Büchern unter zwei Blickwinkeln nähern: Glaube oder Literatur. Jemand, der nicht an Gott glaubt, kann das Matnawi, die Bibel, den Koran, die Avesta und das Sutra lesen und "Höre auf die Rohrflöte!" im Matnawi, das Buch Genesis oder Hiob, Salomos Lieder oder die mekkanischen Verse des Koran oder die Hymne an Anahita im Avesta schön und tiefgehend finden. Wer sich Rumis Werken nur als literarischen Texten nähert muss seinerseits das Recht der Gläubigen respektieren, diese Texte als Wörter eines Heiligen anzusehen und in ihnen nach ewigen Wahrheiten zu suchen. Ebenso muss ein Leser, der Rumi als ergebenen Muslim betrachtet, die anderen Leser des Matnawi tolerieren, die dieses Buch entweder als freigeistigen pantheistischen Text oder nur als literarisches Werk lesen. Reynold Nicholson, der als erster Gelehrter die erste kritische Ausgabe des Matnawi auf Persisch veröffentlicht hat und auch die erste vollständige Übersetzung dieses Buch ins Englische, war intellektuell redlich. Seine Übersetzung ist wortgetreu, er hatte keine religiöse oder mystische Mission und änderte Rumi nicht, um für seine eigenen Ansichten zu werben.
Coleman Barks ist das genaue Gegenteil von Reynold Nicholson. Um Rumi für den amerikanischen Markt umzumodeln und aufzubereiten folgt er dem Weg eines New-Age-Sufis. Er versucht Rumis mystische Auffassungen von ihrem historischen und sozialen Hintergrund zu lösen und sie unserem zeitgenössischen Geschmack anzupassen. Wollen wir uns zum Beispiel auf die grundlegende Auffassung von Liebe ansehen.
Wie ich in meinem Essay "Rumi: Love for God vs Love for a Donkey" diskutiert habe, hat Liebe für Rumi zwei sich gegenseitig ausschließende Aspekte: körperlich und spirituell. Ein männlicher Sufi kann die geistliche Liebe, die Hingabe an Gott, die Propheten und Meister und erreichen, wenn er körperliche Leidenschaft vermeidet. Die Frau hat in den traditionellen Häuseren der Mewlewi-Derwische keinen Platz. Sie verkörpert Lust und tierisches Ego. Ein männlicher Sufi, der sich des Sex nicht enthalten kann, sollte eine Frau nehmen, aber nur aus Zweckmäßigkeit. Sex ist keine natürliche Quelle der Lebensfreude, sondern ein notwendiges Übel und Frauen sind nur die Mittel zu seiner Befriedigung. Das Matnawi ist ein Produkt einer patriarchalischen Gesellschaft und spiegelt alle ihre frauenfeindlichen Vorurteile wider. Natürlich verringert diese dunkle Seite die Bedeutung des Matnawi als Meisterwerk der persischen Literatur nicht; der zeitgenössische Leser schreibt die frauenfeindliche Philosophie gewöhnlich den Beschränkungen von Rumis Zeit zu.
Das gleiche Argument trifft auf die literarischen Meisterwerke anderer Nationen zu. So vermindert die Kritik an Shakespeares Antisemitismus, wie bei dem Geldverleiher Shylock im "Kaufmann von Venedig", der "ein Pfund Fleisch" als Pfand verlangt und schließlich dem Judentum abschwören und zum Christentum konvertieren muss, nicht Shakespeares Rolle in der englischen Literatur. Ein Übersetzer, der Shakespeares Stück ins Persische übersetzen will, würde diesem Autor keinen Dienst erweisen, wenn er die Figur des Shylock verwischen würde. Anstatt dass Coleman Barks die frauenfeindliche und antisexuelle Auffassung von Liebe im persischen Text des Matnawi vermittelt, verzerrt und entstellt er Buchstaben und Geist von Rumis Werk. Zum Beispiel unterstellt er zu Beginn des Kapitels 8 mit dem Titel "Being a Lover: The Sunrise Ruby", dass es bei Rumis Liebe um die Liebe zwischen Mann und Frau geht (Barks 1996, S. 100). Zu Beginn des Kapitels 6 mit dem Titel: "Controlling the Desire-Body: How Did You Kill Your Rooster, Husam?" legt er Rumi die Worte in den Mund, dass die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse, insbesondere die sexuelle Befriedigung, als Bestandteil des Erreichens der Liebe zu Gott zu betrachten sei (Barks 1996, S. 54). Im Kapitel 11 unter dem Titel "Union Gnats Inside the Wine" schreibt er, dass Rumis Liebe mit "großer weiblicher Weisheit" (Barks 1996, S. 124) erfüllt ist. Im Kapitel 16 unter dem Titel "Rough Metaphors: More Teaching Stories" über die Geschichte der Sklavin und dem Esel der Herrin, in der eine Frau infolge einer Kopulation mit einem Esel stirbt, verschiebt Barks die Schuld daran, sich solch eine brutale und erniedrigende Handlung gegenüber einer Frau vorzustellen, vom Dichter auf die Gesellschaft. Im Kapitel 17 ("Salomos Gedichte: Die Entfernte Moschee"), fehlt es Barks am Verständnis daran, dass die Metapher von König Salomo und der Königin von Saba, bei der er "göttliche Weisheit" und sie "körperliche Seele" (Barks 1996, S. 186) verkörpert, auf der Herabsetzung von sowohl "Körper" als auch "Frau" beruht.
Hier erwähnt Barks eine weitere Lieblingsmetapher von Rumi: Jesus und sein Esel. Nach Matthäus 22:1-10 ritt Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein, bevor er gekreuzigt wurde. Für Rumi verkörpert Jesus den Geist/den Mann und sein Esel die körperliche Seele/die Frau, doch Barks stört sich nicht an dieser Metapher. Im Persischen gibt es keinen grammatischen Genus, aber in seiner Version hat Barks häufig das Pronomen der dritten Person Singular "u" zu "er oder sie" übersetzt, als ob Rumi keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen gesehen, sie gleich behandelt und beide Geschlechter als fähig betrachtet hätte, die mystische Wahrheit zu suchen. Das persische Pronomen "u" ist natürlich geschlechtsneutral und der Leser kann das Geschlecht nur aus dem Kontext erschließen. Immer wenn Rumi im Matnawi, das in einer patriarchalischen Gesellschaft geschrieben wurde, die Nomen "salek" oder "darviš" - Anhänger eines mystischen Ordens – gebraucht, meint er grundsätzlich eine männliche Person. Folglich muss, wenn Rumi das Pronomen der dritten Person Singular "u" für "salek" oder "darviš" benutzt, es mit "er" übersetzt werden, und es mit "er oder sie" zu übersetzen, ist eine wesentliche Verzerrung: "nur grammatikalisch ist der liebende Derwisch ein Handelnder / in Wirklichkeit verschwinden mit er oder sie / so aufgelöst in Liebe / alle Eigenschaften des Handelns." (Barks 1996, S. 174)

Die Verfälschung und Entstellung von Rumis grundlegenden Auffassungen ist nicht auf "Liebe" beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf andere Begriffe wie "Wein", "Meister" und "Jesus". Wie ich in meinem Buch "In Search of Joy: A Critique of Death-Oriented and Male-Dominated Culture in Iran" diskutiert habe, hat Rumis "mey-e alast", das ist "der uranfängliche Wein" eine metaphorische und mystische Bedeutung und unterscheidet sich vollkommen vom "Traubenwein" in der Dichtung eines anderen großen klassischen persischen Poeten, Hafez aus Shiraz. Dagegen wird dieser Unterschied im Kapitel 1: "The Tavern: Whoever Brought Me Here Will Have to Take Me Home" ausgelöscht und der Pokal der "Einheit" wird mit Cabernet-Wein gefüllt (Barks 1996, S. 174). Der sklavische Gehorsam des Sufi gegenüber seinem "moršed", seinem Meister, ist ein grundlegendes Konzept in Rumis Mystik und der Hauptgrund dafür, das sein Mevlevi-Orden noch nach 700 Jahren von den Erben der männlichen Nachkommen von Rumis Sohn, Sultan Walad, in der Türkei betrieben wird. Doch am Anfang des Kapitels 12 mit dem Titel "The Sheikh: I have Such a Teacher" wird diese kultische und autoritäre Beziehung als egalitär und ideal dargestellt (Barks 1996, S. 132). Um sein eigenes Bild mit einem Geheimnis zu umgeben schreibt Barks: "… Coleman zu Bawa, Rumi zu Šams" (Barks 1996, S. 291) und legt damit eine Wesensverwandtscchaft zwischen Rumis Meister, Šams-e Tabriz und seinem eigenen ungebildeten Guru Muhammad Raheem Bawa Muhaiyaddeen, einem Qadiri-Sufischeich, der 1971 aus Sri Lanka in die USA gekommen und 1986 in Philadelphia gestorben ist. Um Rumis Reiz für den amerikanischen Markt zu erhöhen, übertreibt Barks die Bedeutung Jesu für Rumi. Im Kapitel 19 "Jesus Poems: The Population of the World: which is dedicated to the allusion of Rumi to Jesus?" behauptet Barks, dass es eine "starke Verbindung" zwischen diesen beiden Persönlichkeiten gibt (Barks 1996, S. 201). Dagegen finden sich im Matnawi mehr Hinweise auf jüdische Propheten wie Moses, Salomo und insbesondere Joseph als auf Jesus.
Trotzdem bedeuten diese Anspielungen auf jüdische oder christliche Propheten nicht, dass Rumi ein besonderes Interesse an einer dieser beiden Religionen hätte. Er bezieht sich auf diese Propheten nur in Übereinstimmung mit islamischer Überlieferung und koranischem Text. Rumi glaubt zum Beispiel nicht, dass Jesus Gottes Sohn war, oder dass Ibrahim Isaak auf dem Berg opfern wollte. Außerdem ist das zahlenmäßige Verhältnis dieser Anspielungen im Vergleich zu Rumis Verweisen auf koranische Verse und islamische Überlieferungen sehr niedrig. Coleman Barks "befreit" Rumi nicht nur von den historischen Beschränkungen seiner Zeit, sondern versucht auch, Rumi von der islamischen Gesellschaft, in der er lebte, und der persischen Sprache, in der er seine Poesie schrieb, zu trennen. Ich habe nie gehört oder gesehen, dass sich Barks in seinen Radiointerviews und TV-Shows auf Rumis kulturelle Wurzeln bezieht, als ob dieser Dichter vom Himmel gefallen wäre und nicht zu einem Land oder einer Kultur gehörte. Das englische Volk betrachtet Shakespeare als Nationalschatz und die Werke dieses Autors habe das Ansehen englischer Literatur und Kultur weltweit angehoben. Doch leider hat infolge der nicht-literarischen und kommerziellen Ziele von Coleman Barks seine populäre Version von Rumi im amerikanischen Publikum kein Interesse an dem Land geschaffen, in dem Rumi aufgewachsen ist, an der Kultur, die er eingeatmet hat, und an der Sprache, in der er seine Dichtung schrieb. Trotz all dieser Beschränkungen und Verzerrungen genieße ich die Schönheit und Einfachheit einiger Rumigedichte, wie sie von Barks popularisiert wurden. Ich wünsche mir nur, dass ein anderer Robert Bly am Horizont erscheint und Barks auffordert, Rumis Dichtung aus Coleman Barks Gefängnis zu befreien und den amerikanischen Leser sich einem ungefesselten Rumi nähern zu lassen,


II. Liebe zu Gott

Seit fast acht Jahrhunderten erklingt das Lied von Rumis Rohrflöte. Früher waren die Meinungen über die Bedeutung dieser Liebe nicht sehr geteilt. Die Elite interpretierte sie als mystisch und die Öffentlichkeit wurde traurig, wenn sie ihre Klage über die Trennung hörte.

Höre auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt:
"Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde, hat meine Klage Mann und Frau zum Weinen gebracht.

(Mathnawi I:1-2)

Heute jedoch bringt der Klang dieser Rohrflöte neue Echos hervor. Eine Gruppe betrachtet sie als Metapher auf die Einheit der materiellen Bestandteile der Welt und ordnet Rumi als pantheistischen Dialektiker ein. Im Gegensatz dazu betrachtet eine andere Gruppe Rumis Liebe als die Stimme des verletzten und wandernden Menschen, der sehnsüchtig nach anderen Menschen sucht. So wird Rumi als Humanist bezeichnet, und die Hitze seiner Liebe kann die Kälte und Härte des Maschinenzeitalters und seiner Entfremdung zum Schmelzen bringen. Wie andere werde ich traurig, wenn ich Rumis Rohrflöte klagen höre und erfreue mich an der Lektüre des Matnawi mit seiner poetischen Sprachgewalt. Trotzdem glaube ich, dass Rumis Liebe eine mystische und metaphysische Bedeutung hat und dass es eine große Kluft zwischen dieser Liebe und unserer heutigen Auffassung von sexueller Liebe gibt.
In Rumis Kanon bedeutet Liebe sklavischer Gehorsam gegenüber dem Meister im Derwischhaus, verrückte Abneigung der Frauen zu Hause und im besten Fall Ekstase im Wirbeltanz des Sama’. Die Rohrflöte des Matnawi klagt, weil sie von ihrem ursprünglichen Rohrbeet getrennt wurde. Seither hat sie in jeder Gruppe mitgespielt, aber niemand hat sie verstanden. Wenn man die Beziehung zwischen einem ausgehöhlten Bambusrohr und seinem Klang betrachtet, ist es nicht schwer, sein Geheimnis zu verstehen: Der Klang der Rohrflöte symbolisiert den geistlichen Atem der Liebe, der aus einer Göttlichen Quelle stammt. Jede Person ist selbst ein Flötenspieler. Wenn der Flötenspieler aber will, dass der geistliche Klang seiner Flöte hörbar wird, muss er seine irdische Gier unterdrücken und den "harmonischen Lippen" eines Meisters folgen. Nur in diesem Fall steigt der Liebende spirituell auf und wird Teil des Geliebten; so verbindet sich die Solomelodie der Flöte mit der Harmonie des ganzen Seins und die klagende Flöte kehrt zu ihrem Ursprungsort zurück.
Um die Allegorie der Rohrflöte zu erklären schreibt Rumi Geschichten und verwendet die Technik des mündlichen Geschichtenerzählers. Wie er sagt:

O meine Freunde, hört diese Geschichte; in Wirklichkeit ist sie das Wesen unseres inneren Zustandes

(Mathnawi I:8)

So sind alle sechs Bücher des Matnawi voller Geschichten in Versen. Manchmal ist eine Geschichte direkt mit einer anderen verbunden, und ein anderes Mal wird sie von zwei oder mehr Geschichten unterbrochen. Die Geschichten des Matnawi sind mit Ratschlägen, philosophischen Diskursen, mystischen Begriffen, religiös-historischen Anspielungen und schließlich Sprichwörtern und Anekdoten angereichert. Dieser Erzählstil in Versen erlaubt es Rumi nicht nur, seine mystischen Ideen zu popularisieren, sondern auch, religiöse Exkommunikation zu vermeiden. Zum Verständnis von Rumis Liebesbegriff habe ich zwei Geschichten aus seinem Matnawi ausgewählt: "Die Geschichte vom König und seiner Sklavin" am Anfang des Werks und "Die Geschichte von der Sklavin und dem Esel ihrer Herrin" aus dem fünften Buch. Die erste Geschichte illustriert vor allem die göttliche Seite der Liebe und die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber dem spirituellen Meister und die zweite Geschicht ihre irdische Seite beziehungweise deren frauenfeindliche Auffassung. In der ersten Geschichte wird der König auf der Jagd gejagt, aber nicht von einem Tier, sondern von einer Sklavin. Die Liebe verdreht die Position von König und Sklavin. Wie der Dichter sagt:

Unterwegs auf der Jagd erblickte der König eine Magd; sie verzauberte seine Seele.
Wie ein Vogel flatterte seine Seele in ihren Käfig,

(Mathnawi I:38)

Deshalb begegnen wir am Anfang der Geschichte zwei Metaphern über die Liebe: Einerseits wird Liebe mit einer Beziehung zwischen Jäger und Gejagtem verglichen, wobei der Jäger der Gejagte ist, und andererseits mit einer Beziehung zwischen König und Sklavin, in der der König zum Sklaven seiner Dienerin geworden ist. Im ersten Vergleich finden wir Töten und im zweiten Versklavung und in beiden ist der Liebende der Verlierer. Nach kurzer Zeit wird die Magd krank und jede Medizin, welche die Ärzte anwenden, bewirkt das Gegenteil des Beabsichtigten. Die Ärzte sind diskreditiert und der verzweifelte König läuft barfuß in die Moschee. Weinend schläft er ein und im Traum erzählt ihm ein alter Mann, dass er am nächsten Tag einen göttlichen Arzt sehen wird. Der König wacht freudig auf. Er ist nicht mehr der Mann von früher: "Er war der Sklavin unterworfen, doch jetzt ist er wieder der König." Durch diese spirituelle Entwicklung löst sich der König von einer der Fesseln, in die er sich am Anfang der Geschichte verstrickt hat, und befreit sich vom Joch der Sklaverei. Er gewinnt, weil er das Vertrauen auf die medizinische Wissenschaft verliert und in der "Wissenschaft der Religion" Zuflucht findet; er lässt die Welt zurück und findet Gott. Sein Führer auf dieser Reise ist der göttliche Arzt. Seine Beschreibung überzeugt uns davon, dass wir es wenn nicht mit dem Propheten, so doch mit jemandem auf dieser Stufe zu tun haben. Wie Mohammed, über dessen Kopf nach der Überlieferung tagsüber immer eine Wolke schwebte. Der Arzt wird mit "einer Sonne mitten im Schatten" verglichen. Der König sagt zu ihm:

Du bist für mich wie Mustafa, und ich für dich wie 'Omar,
ich gürte mich für den Dienst an dir."

(Mathnawi I:77)

Dann ersetzt der Arzt / Meister die Sklavin: "Er sagte, du warst mein Geliebter, nicht sie." An dieser Stelle unterbricht Rumi seine Geschichte und unter dem Untertitel "adab", was wörtlich "Höflichkeit" bedeutet, beschreibt er die Details der Beziehung zwischen einem Jünger und seinem spirituellen Meister und Gott. "Adab" bedeutet Gehorsam gegenüber Gott und Ergebenheit gegenüber dem Guru. Die Strafe für die "Unhöflichen" ist Gottes Rache. Das Volk Israel war undankbar, und so erzürnte Gott und schickte sie zum Wandern in die Wüste. Wie der Dichter sagt:

Der Unhöfliche misshandelt nicht nur sich selbst, sondern setzt die ganze Welt in Brand.

(Mathnawi I:79)

Rumis Theorie von "adab" ist tatsächlich der alte Aberglaube an die göttliche Vergeltung.

Wird die Armensteuer nicht bezahlt, ziehen keine Regenwolken auf,
und im Gefolge der Unzucht verbreitet sich überall die Pest.
Was du an Finsternis und Sorgen erleiden musst,
ist das Ergebnis von Unverschämtheit und Respektlosigkeit.

(Mathnawi. I:88-89)

Mustafa (der Auserwählte) ist einer der Titel des Propheten, und ?Omar der zweite Kalif. Deshalb setzt die Liebe zum spirituellen Meister sklavischen Gehorsam voraus. Jetzt sind die Mittel zur Öffnung der zweiten Falle bereit. Der König muss sich von der Sklavin als Jägerin befreien und das ist nur mit dem spirituellen Meister möglich. Er ist nicht mehr der Sklave der Magd aber er ist immer noch ihre "getötete" Beute. Wenn der Arzt den König von der Kette befreien will, muss er die kranke Sklavin heilen. Die irdischen Ärzte hatten dabei keinen Erfolg, weil sie "ihren inneren Zustand nicht erkannt haben". Er findet die Ursache ihrer Krankheit, aber enthüllt sie dem König nicht. "Am Körper war sie gesund, doch im Herzen krank." Dies wiederum ist Liebe, und Rumi beschreibt sie: "Die Liebe ist das Astrolab zu Gottes Mysterien". Mit Liebe braucht es keine Astronomie, und der Liebende ist aller Geheimnisse des gesamten Universums gewahr. Ob diese Liebe nun von dieser Welt oder der anderen ist: Sie führt uns schließlich immer zu Ihm.

Wie ich Liebe auch beschreiben und erklären will,
wenn ich zu ihr komme, schäme ich mich dafür.
Mag auch die Sprache manches erklären,
Liebe ohne Sprache macht es klarer.
Die Feder beeilt sich, zu schreiben,
wenn sie zur Liebe kommt, zerbricht sie.

(Mathnawi, I:112-114)

Liebe ist nicht nur das Ziel sondern auch der Weg dahin. Der Gott der Liebe kann mit der Vernunft nicht erkannt werden, weil "das Bein der Rationalisten hölzern und ungehorsam" ist. Der Liebende muss Abgeschiedenheit suchen und sich spirituell reinigen, damit ihm Gottes Geheimnisse enthüllt werden.

Die Vernunft steckt hilflos wie ein Esel im Schlamm, wenn sie die Liebe erklären soll,
nur die Liebe selbst kann die Liebe und den Liebenden erklären.

(Mathnawi I:115)

Gott gleicht der Sonne und die Seele des Jüngers ist ein Teil davon. Wenn der Jünger seine Seele reinigt, wird er sofort fähig, sich mit der ganzen Sonne zu verbinden.

Die Sonne selbst ist der Beweis für die Sonne,
suchst du einen Beweis, wende dich nicht von ihr ab!

(Mathnawi I:116)

Um spirituelle Reinigung zu erlangen und "die Sonne der Seele und des Universums" zu erreichen, braucht der Jünger einen Meister. Es ist interessant, dass Rumi seinen spirituellen Meister Šams nennt, was auf Arabisch "Sonne" bedeutet. Er begegnete Šams-e Tabrizi im Alter von 38 Jahren. Dann verließ Rumi die Kanzel von Schule und Moschee und wurde von Liebe betört. Sie blieben nur drei Jahre zusammen. Entweder wurde Šams von den Fanatikern in Konya getötet oder er verschwand freiwillig. Diese Trennung inspirierte Rumi dazu, 50000 Ghazelen zu schreiben, bevor er weitere 26000 Doppelverse in Form des Matnawi schrieb. Nicht nur die Sonne der Seele ist Teil der Göttlichen Sonne, sondern auch die Sonne (Šams) des Meisters gehört zu Gott: Šams -e Tabriz ist das absolute Licht, er ist die Sonne und das Licht Gottes.
Dann fährt Rumi mit der Geschichte seiner ekstatischen Liebe zum Meister fort:

Als über Šams ad-Dins Antlitz gesprochen wurde, zog die Sonne des vierten Himmels den Kopf ein.
Da mir sein Name auf die Lippen gekommen ist, geziemt es sich, seine Großzügigkeit anzusprechen.
Eben jetzt zupft die Seele mich am Saum; sie hat den Duft von Josephs Hemd angenommen.
Er sagte: "Um der Jahre unserer Freundschaft willen berichte über eine dieser süßen Ekstasen,
Damit Himmel und Erde vor Freude lachen und Geist und Auge hundertfach wachsen!"
Ich sagte: "Bürde mir das nicht auf, ich bin ganz entworden, mein Sinn ist getrübt, ich weiß nicht, wie ich Lob spenden kann.
Was jemand sagt, der nicht wieder zu Bewusstsein gekommen ist und sich zügelt oder übertreibt, ist unziemlich.
Wie kann ich, da keine meine Adern mehr nüchtern ist, den Geliebten, der nicht seinesgleichen hat, beschreiben?
Die Beschreibung dieser Trennung, dieses Herzblutes verschiebe ich für den Augenblick auf ein anderes Mal.

(Mathnawi I:123-131)

Beim Schreiben dieser Zeilen wird Rumi von zwei sich widerstreitenden Kräfte zerrissen: Eine will sich an Šams erinnern, ohne Angst vor Abschweifung und die andere will den natürlichen Lauf der Geschichte nicht unterbrechen. Wir lernen aus diesem Konflikt, dass Rumi sich als Teil von Šams, dem spirituellen Führer betrachtet.

Hebe den Vorhang und sprich nackt, denn ich trage kein Hemd, wenn ich mit meinem Verehrten schlafe.

(Mathnawi I:138)

Rumi zeigt mit der Anspielung auf Šams den Entwicklungsverlauf der Geschichte vom König und der Sklavin. Der spirituelle Arzt fordert den König auf:

Er sagte: "O König, räume das Haus; schicke Verwandte und Fremde weg.

(Mathnawi I:144)

Scheinbar will der Arzt die Ursache der Krankheit der Sklavin finden, aber in Wirklichkeit will er, dass der König seine Seele durch Meditation und Abstinenz reinigt. Wenn der König sein Ego "töten" kann, ist er keine "getötete" Beute der Sklavin mehr. Das kann aber nur unter der Führung eines Meisters erreicht werden, so wie ein Dorn nur von einem "dornziehenden" Arzt aus dem Fuß oder dem Herzen entfernt werden kann.

Ein Splitter im Fuß ist schwer zu finden; wie ist es dann mit einem Splitter im Herzen? Antworte!
Wenn jeder gemeine Kerl den Splitter im Herzen sehen würde, wer hätte dann noch Sorgen?

(Mathnawi I:152-153)

Der Dorn im Herzen der Sklavin ist in Wirklichkeit ihre Liebe zu einem Goldschmied aus Samarkand nach ihrer Trennung. Ein Händler verkaufte die Sklavin dort dem Goldschmied. Dieser versteigert sie nach sechs Monaten gegen ihren Willen, und vielleicht an der selben Straße, auf der der König reist. Gold schmieden ist ein luxuriöses Gewerbe. So repräsentiert die Liebe der Sklavin zum Goldschmied ihre Liebe zu irdischem Reichtum. Nur wenn sie mit dieser oberflächlichen Liebe bricht, ist die Sklavin fähig, ihr Herz für den Empfang des Königs vorzubereiten. Der Arzt bittet die Magd, dem König das Geheimnis ihres Herzens nicht zu verraten. Geheimnisse zu behalten ist eines der Grundprinzipien mystischer Kulte, und Rumi erwähnt das hier:

Wenn dein Herz zum Grab für dein Geheimnis wird, wird dein Wunsch schneller erfüllt.
Der Prophet sagte: "Wer seine innersten Gedanken verbirgt, wird bald mit dem Gegenstand seines Wunsches vermählt."
Wenn Samen in der Erde versteckt werden, entsteht aus ihrem inneren Geheimnis das Grün des Gartens.
Wären Gold und Silber nicht versteckt, wie könnten sie dann in der Mine heranwachsen?

(Mathnawi I:175-178)

Loyalität zum Meister und die Geheimnisse der Gruppe wahren erinnert uns an das Verhältnis Meister-Lehrling und die Gilden der Handwerker im Mittelalter. Der Lehrling muss seinem Meister Körper und Seele zur Verfügung stellen und die Techniken und Geheimnisse der Gilde vertraulich behandeln, weil davon das Leben der Gilde abhängt. Wer sich diesem Befehl widersetzt wird streng bestraft. Viele Geschichten im Matnawi, einschließlich unserer zweiten Geschichte, verströmen den Geruch von Werkstätten und Läden. Rumis Mystik ist in der Tat auf diesem psychologischen und ökonomischen Hintergrund gewachsen. Auf den Rat des Arztes lud der König den Goldschmied an den Hof. Der Goldschmied beschäftigt sich mit weltlichen Zielen und weil er "den Preis seines Blutes" als "Geschenk" vom König missversteht, geht er in die Falle. Die Sklavin wird dem Goldschmied gegeben, damit sein "Wasser der Vereinigung" ihr "Feuer der Begierde" löscht. Das Ergebnis ist positiv. Nach sechs Monaten ist die Sklavin geheilt. Jetzt ist der Arzt an der Reihe. Gegen den hippokratischen Eid verschreibt er dem Goldschmied eine giftige Droge, damit dieser durch Krankheit seine Schönheit verliert und die Liebe der Magd allmählich stirbt. Das ist das Ergebnis jeder Liebe ohne göttlichen Ursprung:

Liebe um der Farbe willen ist keine Liebe; am Ende ist sie nur eine Schande.

(Mathnawi I:205)

Das schöne Angesicht der oder des irdischen Geliebten führt zu seiner oder ihrer Zerstörung:

Blut lief wie ein Fluss aus seinen Augen; sein eigenes Gesicht brachte ihm den Tod.
Der Feind des Pfaus ist sein eigenes Gefieder; wie viele Könige sind wegen ihrer Macht getötet worden! …
Diese Welt ist ein Berg und unser Handeln ein Schrei; das Echo der Schreie kommt zu uns zurück.

(Mathnawi I:207-208;215)

Im Gegensatz zum Anschein bedeutet Liebe zum Leben die Toten lieben, und Gott ist die einzige lebendige Liebe.

Weil die Liebe zu den Toten nicht anhält, weil der Tote nie mehr zu uns zurückkommt;
Die Liebe zu den Lebenden dagegen in jedem Augenblick in Geist und Sehen frischer als eine Knospe ist,
Erwähle die Liebe zum Ewig Lebenden, der dir den lebensverlängernden Wein zu trinken gibt.
Wähle die Liebe zu Ihm, Dessen Liebe alle Propheten Macht und Ehre gab.

(Mathnawi I:217-220)

Der Mord am Goldschmied ist laut Dichter etwas Gutes, das schlecht aussieht, denn es führt dazu, dass jemand ausgelöscht wird, aber die richtige Person überlebt. Die Sklavin tötet ihr materialistisches Ego und bereitet das Haus ihres Herzen darauf vor, den König zu empfangen. Am Anfang der Geschichte wurde die Liebe des Königs mit einer Beziehung verglichen, in der der König die Beute und nicht der Jäger ist, und ein unfreier Sklave. Die irdische Liebe verwandelt sich im Verlauf der Geschichte aber in spirituelle Liebe, ohne dass sich die jägerische oder sklavische Natur der Liebe ändert. Was sich geändert hat sind Position und Charakter der beiden Protagonisten und nicht ihre Beziehung. Bei der irdischen Liebe verliebt sich ein Mann in eine Sklavin, in der spirituellen Liebe dagegen wird er in den Sklaven des spirituellen Meisters verwandelt. Andererseits wird der König bei der irdischen Liebe von der irdischen Geliebten quasi "getötet", während er bei der himmlischen Liebe eigenhändig und unter der Führung seines Meisters sein materialistisches Ego tötet. Der König wird von der Liebe der Sklavin befreit und verwandelt sich in den Mörder des Goldschmieds und seines eigenen körperlichen Egos.
Deshalb hat in Rumis Augen die Liebe weder in ihrer irdischen noch in ihrer spirituellen Form eine freie oder gleichberechtigte Natur. Im Gegenteil, eine Seite muss die andere versklaven und besiegen, was zur Zerstörung letzterer Person führt. Außerdem kann spirituelle Liebe nur erreicht werden, wenn die irdische Liebe unterdrückt wird und diese beiden Arten von Liebe schließen einander aus. Der mystische Wahlspruch des "Entwerdens in Gott" verdeutlicht wie das buddhistische Nirvana die beiden oben angeführten Konzepte. Die Frau repräsentiert die Welt und die "schändliche" Liebe. Der König muss sich von der Sklavin lösen, um den göttlichen Meister lieben zu können. Die Liebe der Sklavin zum Goldschmied ist außerdem lustbetont und vergänglich. Und am schlimmsten ist, dass sich die Sklavin im Gegensatz zum König spirituell nicht entwickeln kann. Nach der Trennung vom Goldschmied verbleibt sie in der Sklaverei des Königs.
In Rumis männerorientiertem Sufihaus ist kein Platz für Frauen, denn Frauen stehen für die Welt und die "schändliche" Liebe.

 


 

III. Liebe zum Esel

In der Geschichte von der Sklavin und dem Esel ihrer Herrin konzentriert sich Rumi auf die weltliche Liebe. Er nutzt sein kreatives Talent für die Illustration der Dekadenz und Niedrigkeit dieser Art von Beziehung. In der ersten Geschichte wird meistens die emotionale Seite der weltlichen Liebesbeziehung diskutiert und der Geschlechtsverkehr kaum erwähnt. Im Gegensatz dazu ist in dieser Geschichte Sex im Brennpunkt, der aber nicht in seiner üblichen Form, sondern auf abstoßende und ungewöhnliche Weise dargestellt wird . Bei Männern ist sexuelle Befriedigung mit Eseln und Pferden beobachtet worden. In dieser Geschichte schreibt Rumi solche Handlungen Frauen zu:

Eine Magd legte sich aus übermäßiger Begierde vor einem Esel nieder.
Dieser Esel drang über den Weg der menschlichen Vereinigung in sie ein.

(Mathnawi V:1333-1334)

Für Rumi repräsentieren Frauen Begierde. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn er eine weibliche Hauptdarstellerin erschafft. Außerdem ist der Geschlechtsakt für ihn rein animalisch und deshalb kann der Partner auch ein Esel sein:

Ein Kürbis diente als Hilfsmittel; sie steckte ihn dem Esel auf das Glied,
Sie steckte ihm den Kürbis auf das Glied, damit der Penis nur halb so lang ist, wenn er in sie eindringt.
Denn wenn der ganze Penis des Esels in sie eindringen würde, würden die Gebärmutter und die Innereien zerstört.

(Mathnawi V:1335-1337)

Hier vermischt Rumi den Hass auf Frauen mit Klassendünkel. Fachkenntnisse in schmutzigen Arbeiten gibt es nur bei Sklaven, nicht bei ihren Herren: Schließlich durchschaut die Herrin die Situation und beschließt, den Esel selbst zu benutzen:

Freute sie sich vor trunkener Begierde. Sie schloss die Tür und sagte dabei:
"Ich habe dafür gesorgt, dass ich ungestört bin, ich werde vor Dankbarkeit schreien; ich bin von lang und kurz erlöst." ..
Lüsternes Verlangen macht das Herz taub und blind, sodass ein Esel wie Joseph erscheint und Feuer wie Licht

(Mathnawi V:1361-1362;1365)

Lust ist das größte Hindernis auf dem Pfad:

Lüsternheit lässt faule Dinge schön erscheinen.
Unter den Gefahren des Pfades gibt es keine schlimmere als die Begierde.

(Mathnawi V:1369)

Ein Sufi kann die Begierde auf zwei Arten überwinden: Entweder muss er abstinent bleiben und so wenig wie möglich essen (weil Nahrung den Sexualtrieb stärkt), oder er muss eine Frau heiraten und sie als Mittel zur Überwindung seiner Begierde gebrauchen, damit ihn satanische und lustvolle Gedanken nicht bei der Meditation und der spirituellen Reinigung stören.

Wenn du gerne isst und trinkst, bitte sofort eine Frau um ihre Hand,
sonst kommt die Katze und holt den fetten Schafsschwanz.

(Mathnawi V:1356)

Unter diesen Bedingungen ist es nur natürlich, dass Sex für Rumi zur blutigen Vergewaltigung wird, bei welcher der Vergewaltiger nicht schuldig ist, weil er ein Opfer der Reize und der Verführerin, der Frau ist.

Die Frau schloss die Tür und zog den Esel fröhlich an sich; notwendigerweise musste sie eine Strafe erhalten.
Mitten im Stall zog sie ihn an sich; sie legte sich unter den Esel und nahm sein Glied auf.
Auf dem gleichen Sesselchen, wie sie es bei der Magd gesehen hatte; um dasselbe wie diese Hure zu genießen.
Sie spreizte die Beine und der Esel drang in sie ein; das Feuer des Eselspenis flammte in ihr auf.
Da der Esel wohlerzogen war, drang er bis zu den Hoden in sie ein; die Herrin starb auf der Stelle.
Ihre Innereien rissen unter dem Ansturm des Eselsgliedes; die Gedärme platzten auseinander.
In diesem Zustand konnte die Frau nicht mehr zurück und gab die Seele auf; erst stürzte der Sessel um, dann die Frau.

(Mathnawi V:1382-1388)

Das bekannte persische Sprichwort stammt zweifellos aus dieser Geschichte:

Ein schlechter Tod voller Schmach, o Vater; ist jemand je vom Glied eines Esels zum Märtyrer gemacht worden?

(Mathnawi V:1390)

Weltliche Liebe entspringt der tierischen Seele. Man muss es töten, sonst tötet es einen selbst:

Wisse, dass der Esel die tierische Seele ist. Sich ihr zu unterwerfen, ist noch schändlicher als die Tat dieser Frau.
Wenn du als Egoist auf dem Weg der Triebseele stirbst, wisse mit Sicherheit, dass du wie diese Frau bist.
Gott wird unserer Triebseele die Gestalt eines Esels geben, weil Er die Gestalt mit dem Charakter übereinstimmen lässt.
Das ist die Manifestation des Geheimnisses der Auferstehung. Bei Gott, bei Gott, rette dich vor dem eselsgleichen Körper!

(Mathnawi. V:1392-1395)

Hier nutzt Rumi die Gelegenheit für eine Predigt über die Wichtigkeit, einen Meister zu haben, selbst in einer so unspirituellen Situation.

Die Magd dachte unterwegs: "Ach, Herrin, du hast die Expertin weg geschickt.
Du wirst dich ohne die Expertin ans Werk machen und dein Leben närrisch aufs Spiel setzen.
O du, die mir ein unvollkommenes Wissen gestohlen hat, du hast dich geschämt, nach der Falle zu fragen. ..
Das Äußerliche hast du gesehen, aber das Geheimnis blieb dir verborgen.
Bevor du Meister wurdest, hast du ein Geschäft eröffnet.
Sein Glied erschien dir wie Honig und Ḫabīṣ; den Kürbis hast du nicht gesehen, o Gierige.

(Mathnawi V:1403-1405;1419-1421)

Die Welt gleicht dem Glied eines Esels, bei dem der Sufi, will er davon profitieren, "den schützenden Kürbis" eines spirituellen Meisters anwenden muss. Sonst wird er zum "Märtyrer eines Eselspenis". In der modernen sexuellen Liebe ist die emotionale Bindung zwischen zwei Personen mit sexueller Beziehung verbunden, und beide Teile enthalten sich gegenseitig. Natürlich führt emotionale Bindung nicht notwendig zu sexueller Beziehung, wie man an vielen Freundschaften sehen kann. Ebenso kommt es vor, dass Sex nicht mit leidenschaftlicher Liebe einhergeht, wie man es bei der Prostitution oder leeren Ehen findet. In Rumis Kanon aber schließen emotionale Bindung und sexuelle Beziehung einander aus und die Existenz einer Seite ist die Negation der anderen.
Zum Beispiel ist für Rumi die leidenschaftliche Liebe der Sklavin zum Goldschmied "schändlich" und mit seinem Wasser der Vereinigung wird das Feuer ihrer Lust gelöscht. Der erwähnte Widerspruch geht noch weiter. Man kann das Motiv der Freundschaft bei Menschen nur respektieren, wenn sie auf Gott, göttliche Führer und spirituelle Meister gerichtet ist. Der Sexualtrieb des Menschen gehört aber zu seiner tierischen Seele. Man muss dieses Tier im Innern töten, entweder mit Abstinenz oder durch Heirat. Deshalb besteht nach Rumi die menschliche Natur aus zwei sich widersprechenden göttlichen und tierischen Komponenten. Ein Sufi ist verpflichtet, die tierische Seele zu töten, um den Weg für den vollständigen Triumph der göttlichen Seele zu pflastern. In Wirklichkeit ist Rumis Liebestheorie eine mystische Widerspiegelung der Widersprüche in seiner Gesellschaft.
Die Liebe zu Gott wird von einer Gruppe männlicher Experten kontrolliert je nach der Kultur der jeweiligen Epoche manchmal Propheten, Imame oder religiöse Führer genannt werden, und manchmal die Meister der Sufis, die Hodjas der Ismaeliten und die Walis bei Khomeini. Der Rest der Männer und fast die ganze "Rasse" der Frauen muss die Verantwortung für die "tierischen Aufgaben" der Gesellschaft übernehmen einschließlich Nahrungszubereitung, Bekleidungsfertigung Haushaltsführung, Kindererziehung, Verschaffen sexueller Befriedigung und sich um die persönlichen Angelegenheiten anderer zu kümmern.
In den beiden angeführten Geschichten aus dem Matnawi kann man die Klassen- und sexuellen Widersprüche in der Gesellschaft deutlich sehen. Rumi ist natürlich kein neutraler Beobachter, sondern bewundert spirituelle Meister, religiöse Führer und Imame und verachtet Frauen und Handwerker. Rumi gewährt Königen den Titel "Gottes Auserwählte" und den Sufiführern den Titel "Gottes Wächter". Im Gegensatz dazu bezeichnet er eine Sklavin, die gleichzeitig die sexuelle und Handarbeiterin ihrer Herrn ist, als "Verführerin" und paradoxerweise als "zitternden Eselspenis". Im Gegensatz zu ihrer Erscheinung ist Rumis Liebe zu den Wächtern Gottes nicht göttlich, sondern reflektiert die Beziehung zwischen Meister und Lehrling in der Werkstatt des Handwerkers. Rumis Sufihaus entspricht tatsächlich ebenso dem Stab des Meisters und der Gildenloyalität. Es unterscheidet sich aber dadurch, dass es Derwische und Sufis produziert und nicht Hüte und Schuhe. Das Matnawi hat zweifellos dazu beigetragen, die Kultur der Meister-Lehrlingsbeziehung und frauenfeindlicher Haltungen in unserer Gesellschaft zu verbreiten. Man kann Rumis Theorie der Liebe nicht reparieren. Sein Gott und Esel sollten so gelassen werden, wie sie sind. Was bleibt, ist eine menschliche Liebe, die mit emotionaler Bindung und sexueller Leidenschaft erreicht werden kann.

Barks, Coleman (1996): The Essential Rumi. San Francisco: Harper

Rumi, Galal ad-Din (2007): Das Matnawi. Spirituelle Verse. Köln: digiothek