III. Liebe zum Esel

In der Geschichte von der Sklavin und dem Esel ihrer Herrin konzentriert sich Rumi auf die weltliche Liebe. Er nutzt sein kreatives Talent für die Illustration der Dekadenz und Niedrigkeit dieser Art von Beziehung. In der ersten Geschichte wird meistens die emotionale Seite der weltlichen Liebesbeziehung diskutiert und der Geschlechtsverkehr kaum erwähnt. Im Gegensatz dazu ist in dieser Geschichte Sex im Brennpunkt, der aber nicht in seiner üblichen Form, sondern auf abstoßende und ungewöhnliche Weise dargestellt wird . Bei Männern ist sexuelle Befriedigung mit Eseln und Pferden beobachtet worden. In dieser Geschichte schreibt Rumi solche Handlungen Frauen zu:

Eine Magd legte sich aus übermäßiger Begierde vor einem Esel nieder.
Dieser Esel drang über den Weg der menschlichen Vereinigung in sie ein.

(Mathnawi V:1333-1334)

Für Rumi repräsentieren Frauen Begierde. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn er eine weibliche Hauptdarstellerin erschafft. Außerdem ist der Geschlechtsakt für ihn rein animalisch und deshalb kann der Partner auch ein Esel sein:

Ein Kürbis diente als Hilfsmittel; sie steckte ihn dem Esel auf das Glied,
Sie steckte ihm den Kürbis auf das Glied, damit der Penis nur halb so lang ist, wenn er in sie eindringt.
Denn wenn der ganze Penis des Esels in sie eindringen würde, würden die Gebärmutter und die Innereien zerstört.

(Mathnawi V:1335-1337)

Hier vermischt Rumi den Hass auf Frauen mit Klassendünkel. Fachkenntnisse in schmutzigen Arbeiten gibt es nur bei Sklaven, nicht bei ihren Herren: Schließlich durchschaut die Herrin die Situation und beschließt, den Esel selbst zu benutzen:

Freute sie sich vor trunkener Begierde. Sie schloss die Tür und sagte dabei:
"Ich habe dafür gesorgt, dass ich ungestört bin, ich werde vor Dankbarkeit schreien; ich bin von lang und kurz erlöst." ..
Lüsternes Verlangen macht das Herz taub und blind, sodass ein Esel wie Joseph erscheint und Feuer wie Licht

(Mathnawi V:1361-1362;1365)

Lust ist das größte Hindernis auf dem Pfad:

Lüsternheit lässt faule Dinge schön erscheinen.
Unter den Gefahren des Pfades gibt es keine schlimmere als die Begierde.

(Mathnawi V:1369)

Ein Sufi kann die Begierde auf zwei Arten überwinden: Entweder muss er abstinent bleiben und so wenig wie möglich essen (weil Nahrung den Sexualtrieb stärkt), oder er muss eine Frau heiraten und sie als Mittel zur Überwindung seiner Begierde gebrauchen, damit ihn satanische und lustvolle Gedanken nicht bei der Meditation und der spirituellen Reinigung stören.

Wenn du gerne isst und trinkst, bitte sofort eine Frau um ihre Hand,
sonst kommt die Katze und holt den fetten Schafsschwanz.

(Mathnawi V:1356)

Unter diesen Bedingungen ist es nur natürlich, dass Sex für Rumi zur blutigen Vergewaltigung wird, bei welcher der Vergewaltiger nicht schuldig ist, weil er ein Opfer der Reize und der Verführerin, der Frau ist.

Die Frau schloss die Tür und zog den Esel fröhlich an sich; notwendigerweise musste sie eine Strafe erhalten.
Mitten im Stall zog sie ihn an sich; sie legte sich unter den Esel und nahm sein Glied auf.
Auf dem gleichen Sesselchen, wie sie es bei der Magd gesehen hatte; um dasselbe wie diese Hure zu genießen.
Sie spreizte die Beine und der Esel drang in sie ein; das Feuer des Eselspenis flammte in ihr auf.
Da der Esel wohlerzogen war, drang er bis zu den Hoden in sie ein; die Herrin starb auf der Stelle.
Ihre Innereien rissen unter dem Ansturm des Eselsgliedes; die Gedärme platzten auseinander.
In diesem Zustand konnte die Frau nicht mehr zurück und gab die Seele auf; erst stürzte der Sessel um, dann die Frau.

(Mathnawi V:1382-1388)

Das bekannte persische Sprichwort stammt zweifellos aus dieser Geschichte:

Ein schlechter Tod voller Schmach, o Vater; ist jemand je vom Glied eines Esels zum Märtyrer gemacht worden?

(Mathnawi V:1390)

Weltliche Liebe entspringt der tierischen Seele. Man muss es töten, sonst tötet es einen selbst:

Wisse, dass der Esel die tierische Seele ist. Sich ihr zu unterwerfen, ist noch schändlicher als die Tat dieser Frau.
Wenn du als Egoist auf dem Weg der Triebseele stirbst, wisse mit Sicherheit, dass du wie diese Frau bist.
Gott wird unserer Triebseele die Gestalt eines Esels geben, weil Er die Gestalt mit dem Charakter übereinstimmen lässt.
Das ist die Manifestation des Geheimnisses der Auferstehung. Bei Gott, bei Gott, rette dich vor dem eselsgleichen Körper!

(Mathnawi. V:1392-1395)

Hier nutzt Rumi die Gelegenheit für eine Predigt über die Wichtigkeit, einen Meister zu haben, selbst in einer so unspirituellen Situation.

Die Magd dachte unterwegs: "Ach, Herrin, du hast die Expertin weg geschickt.
Du wirst dich ohne die Expertin ans Werk machen und dein Leben närrisch aufs Spiel setzen.
O du, die mir ein unvollkommenes Wissen gestohlen hat, du hast dich geschämt, nach der Falle zu fragen. ..
Das Äußerliche hast du gesehen, aber das Geheimnis blieb dir verborgen.
Bevor du Meister wurdest, hast du ein Geschäft eröffnet.
Sein Glied erschien dir wie Honig und Ḫabīṣ; den Kürbis hast du nicht gesehen, o Gierige.

(Mathnawi V:1403-1405;1419-1421)

Die Welt gleicht dem Glied eines Esels, bei dem der Sufi, will er davon profitieren, "den schützenden Kürbis" eines spirituellen Meisters anwenden muss. Sonst wird er zum "Märtyrer eines Eselspenis". In der modernen sexuellen Liebe ist die emotionale Bindung zwischen zwei Personen mit sexueller Beziehung verbunden, und beide Teile enthalten sich gegenseitig. Natürlich führt emotionale Bindung nicht notwendig zu sexueller Beziehung, wie man an vielen Freundschaften sehen kann. Ebenso kommt es vor, dass Sex nicht mit leidenschaftlicher Liebe einhergeht, wie man es bei der Prostitution oder leeren Ehen findet. In Rumis Kanon aber schließen emotionale Bindung und sexuelle Beziehung einander aus und die Existenz einer Seite ist die Negation der anderen.
Zum Beispiel ist für Rumi die leidenschaftliche Liebe der Sklavin zum Goldschmied "schändlich" und mit seinem Wasser der Vereinigung wird das Feuer ihrer Lust gelöscht. Der erwähnte Widerspruch geht noch weiter. Man kann das Motiv der Freundschaft bei Menschen nur respektieren, wenn sie auf Gott, göttliche Führer und spirituelle Meister gerichtet ist. Der Sexualtrieb des Menschen gehört aber zu seiner tierischen Seele. Man muss dieses Tier im Innern töten, entweder mit Abstinenz oder durch Heirat. Deshalb besteht nach Rumi die menschliche Natur aus zwei sich widersprechenden göttlichen und tierischen Komponenten. Ein Sufi ist verpflichtet, die tierische Seele zu töten, um den Weg für den vollständigen Triumph der göttlichen Seele zu pflastern. In Wirklichkeit ist Rumis Liebestheorie eine mystische Widerspiegelung der Widersprüche in seiner Gesellschaft.
Die Liebe zu Gott wird von einer Gruppe männlicher Experten kontrolliert je nach der Kultur der jeweiligen Epoche manchmal Propheten, Imame oder religiöse Führer genannt werden, und manchmal die Meister der Sufis, die Hodjas der Ismaeliten und die Walis bei Khomeini. Der Rest der Männer und fast die ganze "Rasse" der Frauen muss die Verantwortung für die "tierischen Aufgaben" der Gesellschaft übernehmen einschließlich Nahrungszubereitung, Bekleidungsfertigung Haushaltsführung, Kindererziehung, Verschaffen sexueller Befriedigung und sich um die persönlichen Angelegenheiten anderer zu kümmern.
In den beiden angeführten Geschichten aus dem Matnawi kann man die Klassen- und sexuellen Widersprüche in der Gesellschaft deutlich sehen. Rumi ist natürlich kein neutraler Beobachter, sondern bewundert spirituelle Meister, religiöse Führer und Imame und verachtet Frauen und Handwerker. Rumi gewährt Königen den Titel "Gottes Auserwählte" und den Sufiführern den Titel "Gottes Wächter". Im Gegensatz dazu bezeichnet er eine Sklavin, die gleichzeitig die sexuelle und Handarbeiterin ihrer Herrn ist, als "Verführerin" und paradoxerweise als "zitternden Eselspenis". Im Gegensatz zu ihrer Erscheinung ist Rumis Liebe zu den Wächtern Gottes nicht göttlich, sondern reflektiert die Beziehung zwischen Meister und Lehrling in der Werkstatt des Handwerkers. Rumis Sufihaus entspricht tatsächlich ebenso dem Stab des Meisters und der Gildenloyalität. Es unterscheidet sich aber dadurch, dass es Derwische und Sufis produziert und nicht Hüte und Schuhe. Das Matnawi hat zweifellos dazu beigetragen, die Kultur der Meister-Lehrlingsbeziehung und frauenfeindlicher Haltungen in unserer Gesellschaft zu verbreiten. Man kann Rumis Theorie der Liebe nicht reparieren. Sein Gott und Esel sollten so gelassen werden, wie sie sind. Was bleibt, ist eine menschliche Liebe, die mit emotionaler Bindung und sexueller Leidenschaft erreicht werden kann.

Barks, Coleman (1996): The Essential Rumi. San Francisco: Harper

Rumi, Galal ad-Din (2007): Das Matnawi. Spirituelle Verse. Köln: digiothek