II. Liebe zu Gott

Seit fast acht Jahrhunderten erklingt das Lied von Rumis Rohrflöte. Früher waren die Meinungen über die Bedeutung dieser Liebe nicht sehr geteilt. Die Elite interpretierte sie als mystisch und die Öffentlichkeit wurde traurig, wenn sie ihre Klage über die Trennung hörte.

Höre auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt:
"Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde, hat meine Klage Mann und Frau zum Weinen gebracht.

(Mathnawi I:1-2)

Heute jedoch bringt der Klang dieser Rohrflöte neue Echos hervor. Eine Gruppe betrachtet sie als Metapher auf die Einheit der materiellen Bestandteile der Welt und ordnet Rumi als pantheistischen Dialektiker ein. Im Gegensatz dazu betrachtet eine andere Gruppe Rumis Liebe als die Stimme des verletzten und wandernden Menschen, der sehnsüchtig nach anderen Menschen sucht. So wird Rumi als Humanist bezeichnet, und die Hitze seiner Liebe kann die Kälte und Härte des Maschinenzeitalters und seiner Entfremdung zum Schmelzen bringen. Wie andere werde ich traurig, wenn ich Rumis Rohrflöte klagen höre und erfreue mich an der Lektüre des Matnawi mit seiner poetischen Sprachgewalt. Trotzdem glaube ich, dass Rumis Liebe eine mystische und metaphysische Bedeutung hat und dass es eine große Kluft zwischen dieser Liebe und unserer heutigen Auffassung von sexueller Liebe gibt.
In Rumis Kanon bedeutet Liebe sklavischer Gehorsam gegenüber dem Meister im Derwischhaus, verrückte Abneigung der Frauen zu Hause und im besten Fall Ekstase im Wirbeltanz des Sama’. Die Rohrflöte des Matnawi klagt, weil sie von ihrem ursprünglichen Rohrbeet getrennt wurde. Seither hat sie in jeder Gruppe mitgespielt, aber niemand hat sie verstanden. Wenn man die Beziehung zwischen einem ausgehöhlten Bambusrohr und seinem Klang betrachtet, ist es nicht schwer, sein Geheimnis zu verstehen: Der Klang der Rohrflöte symbolisiert den geistlichen Atem der Liebe, der aus einer Göttlichen Quelle stammt. Jede Person ist selbst ein Flötenspieler. Wenn der Flötenspieler aber will, dass der geistliche Klang seiner Flöte hörbar wird, muss er seine irdische Gier unterdrücken und den "harmonischen Lippen" eines Meisters folgen. Nur in diesem Fall steigt der Liebende spirituell auf und wird Teil des Geliebten; so verbindet sich die Solomelodie der Flöte mit der Harmonie des ganzen Seins und die klagende Flöte kehrt zu ihrem Ursprungsort zurück.
Um die Allegorie der Rohrflöte zu erklären schreibt Rumi Geschichten und verwendet die Technik des mündlichen Geschichtenerzählers. Wie er sagt:

O meine Freunde, hört diese Geschichte; in Wirklichkeit ist sie das Wesen unseres inneren Zustandes

(Mathnawi I:8)

So sind alle sechs Bücher des Matnawi voller Geschichten in Versen. Manchmal ist eine Geschichte direkt mit einer anderen verbunden, und ein anderes Mal wird sie von zwei oder mehr Geschichten unterbrochen. Die Geschichten des Matnawi sind mit Ratschlägen, philosophischen Diskursen, mystischen Begriffen, religiös-historischen Anspielungen und schließlich Sprichwörtern und Anekdoten angereichert. Dieser Erzählstil in Versen erlaubt es Rumi nicht nur, seine mystischen Ideen zu popularisieren, sondern auch, religiöse Exkommunikation zu vermeiden. Zum Verständnis von Rumis Liebesbegriff habe ich zwei Geschichten aus seinem Matnawi ausgewählt: "Die Geschichte vom König und seiner Sklavin" am Anfang des Werks und "Die Geschichte von der Sklavin und dem Esel ihrer Herrin" aus dem fünften Buch. Die erste Geschichte illustriert vor allem die göttliche Seite der Liebe und die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber dem spirituellen Meister und die zweite Geschicht ihre irdische Seite beziehungweise deren frauenfeindliche Auffassung. In der ersten Geschichte wird der König auf der Jagd gejagt, aber nicht von einem Tier, sondern von einer Sklavin. Die Liebe verdreht die Position von König und Sklavin. Wie der Dichter sagt:

Unterwegs auf der Jagd erblickte der König eine Magd; sie verzauberte seine Seele.
Wie ein Vogel flatterte seine Seele in ihren Käfig,

(Mathnawi I:38)

Deshalb begegnen wir am Anfang der Geschichte zwei Metaphern über die Liebe: Einerseits wird Liebe mit einer Beziehung zwischen Jäger und Gejagtem verglichen, wobei der Jäger der Gejagte ist, und andererseits mit einer Beziehung zwischen König und Sklavin, in der der König zum Sklaven seiner Dienerin geworden ist. Im ersten Vergleich finden wir Töten und im zweiten Versklavung und in beiden ist der Liebende der Verlierer. Nach kurzer Zeit wird die Magd krank und jede Medizin, welche die Ärzte anwenden, bewirkt das Gegenteil des Beabsichtigten. Die Ärzte sind diskreditiert und der verzweifelte König läuft barfuß in die Moschee. Weinend schläft er ein und im Traum erzählt ihm ein alter Mann, dass er am nächsten Tag einen göttlichen Arzt sehen wird. Der König wacht freudig auf. Er ist nicht mehr der Mann von früher: "Er war der Sklavin unterworfen, doch jetzt ist er wieder der König." Durch diese spirituelle Entwicklung löst sich der König von einer der Fesseln, in die er sich am Anfang der Geschichte verstrickt hat, und befreit sich vom Joch der Sklaverei. Er gewinnt, weil er das Vertrauen auf die medizinische Wissenschaft verliert und in der "Wissenschaft der Religion" Zuflucht findet; er lässt die Welt zurück und findet Gott. Sein Führer auf dieser Reise ist der göttliche Arzt. Seine Beschreibung überzeugt uns davon, dass wir es wenn nicht mit dem Propheten, so doch mit jemandem auf dieser Stufe zu tun haben. Wie Mohammed, über dessen Kopf nach der Überlieferung tagsüber immer eine Wolke schwebte. Der Arzt wird mit "einer Sonne mitten im Schatten" verglichen. Der König sagt zu ihm:

Du bist für mich wie Mustafa, und ich für dich wie 'Omar,
ich gürte mich für den Dienst an dir."

(Mathnawi I:77)

Dann ersetzt der Arzt / Meister die Sklavin: "Er sagte, du warst mein Geliebter, nicht sie." An dieser Stelle unterbricht Rumi seine Geschichte und unter dem Untertitel "adab", was wörtlich "Höflichkeit" bedeutet, beschreibt er die Details der Beziehung zwischen einem Jünger und seinem spirituellen Meister und Gott. "Adab" bedeutet Gehorsam gegenüber Gott und Ergebenheit gegenüber dem Guru. Die Strafe für die "Unhöflichen" ist Gottes Rache. Das Volk Israel war undankbar, und so erzürnte Gott und schickte sie zum Wandern in die Wüste. Wie der Dichter sagt:

Der Unhöfliche misshandelt nicht nur sich selbst, sondern setzt die ganze Welt in Brand.

(Mathnawi I:79)

Rumis Theorie von "adab" ist tatsächlich der alte Aberglaube an die göttliche Vergeltung.

Wird die Armensteuer nicht bezahlt, ziehen keine Regenwolken auf,
und im Gefolge der Unzucht verbreitet sich überall die Pest.
Was du an Finsternis und Sorgen erleiden musst,
ist das Ergebnis von Unverschämtheit und Respektlosigkeit.

(Mathnawi. I:88-89)

Mustafa (der Auserwählte) ist einer der Titel des Propheten, und ?Omar der zweite Kalif. Deshalb setzt die Liebe zum spirituellen Meister sklavischen Gehorsam voraus. Jetzt sind die Mittel zur Öffnung der zweiten Falle bereit. Der König muss sich von der Sklavin als Jägerin befreien und das ist nur mit dem spirituellen Meister möglich. Er ist nicht mehr der Sklave der Magd aber er ist immer noch ihre "getötete" Beute. Wenn der Arzt den König von der Kette befreien will, muss er die kranke Sklavin heilen. Die irdischen Ärzte hatten dabei keinen Erfolg, weil sie "ihren inneren Zustand nicht erkannt haben". Er findet die Ursache ihrer Krankheit, aber enthüllt sie dem König nicht. "Am Körper war sie gesund, doch im Herzen krank." Dies wiederum ist Liebe, und Rumi beschreibt sie: "Die Liebe ist das Astrolab zu Gottes Mysterien". Mit Liebe braucht es keine Astronomie, und der Liebende ist aller Geheimnisse des gesamten Universums gewahr. Ob diese Liebe nun von dieser Welt oder der anderen ist: Sie führt uns schließlich immer zu Ihm.

Wie ich Liebe auch beschreiben und erklären will,
wenn ich zu ihr komme, schäme ich mich dafür.
Mag auch die Sprache manches erklären,
Liebe ohne Sprache macht es klarer.
Die Feder beeilt sich, zu schreiben,
wenn sie zur Liebe kommt, zerbricht sie.

(Mathnawi, I:112-114)

Liebe ist nicht nur das Ziel sondern auch der Weg dahin. Der Gott der Liebe kann mit der Vernunft nicht erkannt werden, weil "das Bein der Rationalisten hölzern und ungehorsam" ist. Der Liebende muss Abgeschiedenheit suchen und sich spirituell reinigen, damit ihm Gottes Geheimnisse enthüllt werden.

Die Vernunft steckt hilflos wie ein Esel im Schlamm, wenn sie die Liebe erklären soll,
nur die Liebe selbst kann die Liebe und den Liebenden erklären.

(Mathnawi I:115)

Gott gleicht der Sonne und die Seele des Jüngers ist ein Teil davon. Wenn der Jünger seine Seele reinigt, wird er sofort fähig, sich mit der ganzen Sonne zu verbinden.

Die Sonne selbst ist der Beweis für die Sonne,
suchst du einen Beweis, wende dich nicht von ihr ab!

(Mathnawi I:116)

Um spirituelle Reinigung zu erlangen und "die Sonne der Seele und des Universums" zu erreichen, braucht der Jünger einen Meister. Es ist interessant, dass Rumi seinen spirituellen Meister Šams nennt, was auf Arabisch "Sonne" bedeutet. Er begegnete Šams-e Tabrizi im Alter von 38 Jahren. Dann verließ Rumi die Kanzel von Schule und Moschee und wurde von Liebe betört. Sie blieben nur drei Jahre zusammen. Entweder wurde Šams von den Fanatikern in Konya getötet oder er verschwand freiwillig. Diese Trennung inspirierte Rumi dazu, 50000 Ghazelen zu schreiben, bevor er weitere 26000 Doppelverse in Form des Matnawi schrieb. Nicht nur die Sonne der Seele ist Teil der Göttlichen Sonne, sondern auch die Sonne (Šams) des Meisters gehört zu Gott: Šams -e Tabriz ist das absolute Licht, er ist die Sonne und das Licht Gottes.
Dann fährt Rumi mit der Geschichte seiner ekstatischen Liebe zum Meister fort:

Als über Šams ad-Dins Antlitz gesprochen wurde, zog die Sonne des vierten Himmels den Kopf ein.
Da mir sein Name auf die Lippen gekommen ist, geziemt es sich, seine Großzügigkeit anzusprechen.
Eben jetzt zupft die Seele mich am Saum; sie hat den Duft von Josephs Hemd angenommen.
Er sagte: "Um der Jahre unserer Freundschaft willen berichte über eine dieser süßen Ekstasen,
Damit Himmel und Erde vor Freude lachen und Geist und Auge hundertfach wachsen!"
Ich sagte: "Bürde mir das nicht auf, ich bin ganz entworden, mein Sinn ist getrübt, ich weiß nicht, wie ich Lob spenden kann.
Was jemand sagt, der nicht wieder zu Bewusstsein gekommen ist und sich zügelt oder übertreibt, ist unziemlich.
Wie kann ich, da keine meine Adern mehr nüchtern ist, den Geliebten, der nicht seinesgleichen hat, beschreiben?
Die Beschreibung dieser Trennung, dieses Herzblutes verschiebe ich für den Augenblick auf ein anderes Mal.

(Mathnawi I:123-131)

Beim Schreiben dieser Zeilen wird Rumi von zwei sich widerstreitenden Kräfte zerrissen: Eine will sich an Šams erinnern, ohne Angst vor Abschweifung und die andere will den natürlichen Lauf der Geschichte nicht unterbrechen. Wir lernen aus diesem Konflikt, dass Rumi sich als Teil von Šams, dem spirituellen Führer betrachtet.

Hebe den Vorhang und sprich nackt, denn ich trage kein Hemd, wenn ich mit meinem Verehrten schlafe.

(Mathnawi I:138)

Rumi zeigt mit der Anspielung auf Šams den Entwicklungsverlauf der Geschichte vom König und der Sklavin. Der spirituelle Arzt fordert den König auf:

Er sagte: "O König, räume das Haus; schicke Verwandte und Fremde weg.

(Mathnawi I:144)

Scheinbar will der Arzt die Ursache der Krankheit der Sklavin finden, aber in Wirklichkeit will er, dass der König seine Seele durch Meditation und Abstinenz reinigt. Wenn der König sein Ego "töten" kann, ist er keine "getötete" Beute der Sklavin mehr. Das kann aber nur unter der Führung eines Meisters erreicht werden, so wie ein Dorn nur von einem "dornziehenden" Arzt aus dem Fuß oder dem Herzen entfernt werden kann.

Ein Splitter im Fuß ist schwer zu finden; wie ist es dann mit einem Splitter im Herzen? Antworte!
Wenn jeder gemeine Kerl den Splitter im Herzen sehen würde, wer hätte dann noch Sorgen?

(Mathnawi I:152-153)

Der Dorn im Herzen der Sklavin ist in Wirklichkeit ihre Liebe zu einem Goldschmied aus Samarkand nach ihrer Trennung. Ein Händler verkaufte die Sklavin dort dem Goldschmied. Dieser versteigert sie nach sechs Monaten gegen ihren Willen, und vielleicht an der selben Straße, auf der der König reist. Gold schmieden ist ein luxuriöses Gewerbe. So repräsentiert die Liebe der Sklavin zum Goldschmied ihre Liebe zu irdischem Reichtum. Nur wenn sie mit dieser oberflächlichen Liebe bricht, ist die Sklavin fähig, ihr Herz für den Empfang des Königs vorzubereiten. Der Arzt bittet die Magd, dem König das Geheimnis ihres Herzens nicht zu verraten. Geheimnisse zu behalten ist eines der Grundprinzipien mystischer Kulte, und Rumi erwähnt das hier:

Wenn dein Herz zum Grab für dein Geheimnis wird, wird dein Wunsch schneller erfüllt.
Der Prophet sagte: "Wer seine innersten Gedanken verbirgt, wird bald mit dem Gegenstand seines Wunsches vermählt."
Wenn Samen in der Erde versteckt werden, entsteht aus ihrem inneren Geheimnis das Grün des Gartens.
Wären Gold und Silber nicht versteckt, wie könnten sie dann in der Mine heranwachsen?

(Mathnawi I:175-178)

Loyalität zum Meister und die Geheimnisse der Gruppe wahren erinnert uns an das Verhältnis Meister-Lehrling und die Gilden der Handwerker im Mittelalter. Der Lehrling muss seinem Meister Körper und Seele zur Verfügung stellen und die Techniken und Geheimnisse der Gilde vertraulich behandeln, weil davon das Leben der Gilde abhängt. Wer sich diesem Befehl widersetzt wird streng bestraft. Viele Geschichten im Matnawi, einschließlich unserer zweiten Geschichte, verströmen den Geruch von Werkstätten und Läden. Rumis Mystik ist in der Tat auf diesem psychologischen und ökonomischen Hintergrund gewachsen. Auf den Rat des Arztes lud der König den Goldschmied an den Hof. Der Goldschmied beschäftigt sich mit weltlichen Zielen und weil er "den Preis seines Blutes" als "Geschenk" vom König missversteht, geht er in die Falle. Die Sklavin wird dem Goldschmied gegeben, damit sein "Wasser der Vereinigung" ihr "Feuer der Begierde" löscht. Das Ergebnis ist positiv. Nach sechs Monaten ist die Sklavin geheilt. Jetzt ist der Arzt an der Reihe. Gegen den hippokratischen Eid verschreibt er dem Goldschmied eine giftige Droge, damit dieser durch Krankheit seine Schönheit verliert und die Liebe der Magd allmählich stirbt. Das ist das Ergebnis jeder Liebe ohne göttlichen Ursprung:

Liebe um der Farbe willen ist keine Liebe; am Ende ist sie nur eine Schande.

(Mathnawi I:205)

Das schöne Angesicht der oder des irdischen Geliebten führt zu seiner oder ihrer Zerstörung:

Blut lief wie ein Fluss aus seinen Augen; sein eigenes Gesicht brachte ihm den Tod.
Der Feind des Pfaus ist sein eigenes Gefieder; wie viele Könige sind wegen ihrer Macht getötet worden! …
Diese Welt ist ein Berg und unser Handeln ein Schrei; das Echo der Schreie kommt zu uns zurück.

(Mathnawi I:207-208;215)

Im Gegensatz zum Anschein bedeutet Liebe zum Leben die Toten lieben, und Gott ist die einzige lebendige Liebe.

Weil die Liebe zu den Toten nicht anhält, weil der Tote nie mehr zu uns zurückkommt;
Die Liebe zu den Lebenden dagegen in jedem Augenblick in Geist und Sehen frischer als eine Knospe ist,
Erwähle die Liebe zum Ewig Lebenden, der dir den lebensverlängernden Wein zu trinken gibt.
Wähle die Liebe zu Ihm, Dessen Liebe alle Propheten Macht und Ehre gab.

(Mathnawi I:217-220)

Der Mord am Goldschmied ist laut Dichter etwas Gutes, das schlecht aussieht, denn es führt dazu, dass jemand ausgelöscht wird, aber die richtige Person überlebt. Die Sklavin tötet ihr materialistisches Ego und bereitet das Haus ihres Herzen darauf vor, den König zu empfangen. Am Anfang der Geschichte wurde die Liebe des Königs mit einer Beziehung verglichen, in der der König die Beute und nicht der Jäger ist, und ein unfreier Sklave. Die irdische Liebe verwandelt sich im Verlauf der Geschichte aber in spirituelle Liebe, ohne dass sich die jägerische oder sklavische Natur der Liebe ändert. Was sich geändert hat sind Position und Charakter der beiden Protagonisten und nicht ihre Beziehung. Bei der irdischen Liebe verliebt sich ein Mann in eine Sklavin, in der spirituellen Liebe dagegen wird er in den Sklaven des spirituellen Meisters verwandelt. Andererseits wird der König bei der irdischen Liebe von der irdischen Geliebten quasi "getötet", während er bei der himmlischen Liebe eigenhändig und unter der Führung seines Meisters sein materialistisches Ego tötet. Der König wird von der Liebe der Sklavin befreit und verwandelt sich in den Mörder des Goldschmieds und seines eigenen körperlichen Egos.
Deshalb hat in Rumis Augen die Liebe weder in ihrer irdischen noch in ihrer spirituellen Form eine freie oder gleichberechtigte Natur. Im Gegenteil, eine Seite muss die andere versklaven und besiegen, was zur Zerstörung letzterer Person führt. Außerdem kann spirituelle Liebe nur erreicht werden, wenn die irdische Liebe unterdrückt wird und diese beiden Arten von Liebe schließen einander aus. Der mystische Wahlspruch des "Entwerdens in Gott" verdeutlicht wie das buddhistische Nirvana die beiden oben angeführten Konzepte. Die Frau repräsentiert die Welt und die "schändliche" Liebe. Der König muss sich von der Sklavin lösen, um den göttlichen Meister lieben zu können. Die Liebe der Sklavin zum Goldschmied ist außerdem lustbetont und vergänglich. Und am schlimmsten ist, dass sich die Sklavin im Gegensatz zum König spirituell nicht entwickeln kann. Nach der Trennung vom Goldschmied verbleibt sie in der Sklaverei des Königs.
In Rumis männerorientiertem Sufihaus ist kein Platz für Frauen, denn Frauen stehen für die Welt und die "schändliche" Liebe.