Coleman Barks und Rumis Esel

Von Majid Naficy

Deutsche Übersetzung: Bernhard Meyer

 

I. Coleman Barks und Rumi

In der ersten Hälte des 20. Jahrhunderts wurden die sechs Bände von Rumis Matnawi und eine Auswahl seiner Gedichte von den britischen Gelehrten Reynold Nicholson und Arthur John Arberry ins Englische übersetzt; diese Werke waren vorwiegend in akademischen Kreisen bekannt. In letzter Zeit ist Coleman Barks’ englische Rumi-Version, besonders The Essential Rumi (Barks 1996) – Gegenstand dieser Kritik – bekannt und in den USA ein Bestseller geworden. Barks lernte Rumi erst 1976 kennen, als ihm der amerikanische Dichter Robert Bly eine Kopie von A.J. Arberrys Übersetzungen mit den Worten überreichte: "Diese Gedichte müssen aus ihren Käfigen befreit werden" (Barks 1996, S.190). Barks, der kein Persisch kann, schrieb zuerst einige der alten englischen Übersetzungen neu. Dann brachte Barks mit Hilfe einer bislang unveröffentlichten Übersetzung von John Moyne und dem Segen eines in den USA lebenden Sufi-Heiligen aus Sri Lanka, Bowa Muhaiyaddeen, eine neue englische Version von Rumi in freiem Vers heraus. Zweifellos hat Coleman Barks’ Version von Rumi diese Gedichte aus den Beschränkungen von Orientalistikabteilungen befreit, doch leider hat er sie, wie wir sehen werden, in den Käfig seines persönlichen Geschmacks gesperrt. Das Hauptproblem bei Coleman Barks liegt in der Tatsache, dass er mit seiner Version Rumi absichtlich verändert, vielleicht zum Besseren, jedoch durch Verzerrung und Entstellung. Er nähert sich Rumis Poesie als heiligen Texten, die ein ergriffener Anhänger vom Staub der Zeit reinigen und für den postmodernen New-Age-Markt im Westen aufbereiten muss. Die New-Age-Bewegung findet die Heilmittel für die moderne Entfremdung in alten Rezepten wie Horoskopen, außersinnlicher Wahrnehmung und Wahrsagerei. Coleman Barks selbst erwähnt in einem Nachwort zu seinem Buch (Barks 1996, S. 290) einige eigene mysteriösen Erlebnisse.

Der folgende Aufsatz beruht auf zwei Essays auf Persisch, "Rumi und Coleman Barks", veröffentlicht in "Nameh-ye Kanoon", dem literarischen Organ der Vereinigung Iranischer Schriftsteller im Exil (Vol. 15, Juli 2002) und "Rumi: Love for God vs Love for a Donkey" aus meinem Buch "In Search of Joy: A Critique of Death- Oriented and Male-Dominated Culture in Iran" (Baran Publishers, Schweden, 1990). Bitte beachten Sie, dass Rumis Sprache im dritten Kapitel stellenweise anzüglich erscheinen kann dieser Art. So wird ihm in seiner Kindheit auf wundersame Weise der Name "Kappadokien" bekannt, einer Region, die mit Konya in Verbindung steht, wo Rumi die meiste Zeit seines Lebens wohnte. Oder als Barks Bowa Muhaiydden begegnet, bemerkt er, dass der den Heiligen in einem Traum ein Jahr zuvor gesehen hatte. Man kann sich Rumis Poesie oder allen religiösen und mystischen Büchern unter zwei Blickwinkeln nähern: Glaube oder Literatur. Jemand, der nicht an Gott glaubt, kann das Matnawi, die Bibel, den Koran, die Avesta und das Sutra lesen und "Höre auf die Rohrflöte!" im Matnawi, das Buch Genesis oder Hiob, Salomos Lieder oder die mekkanischen Verse des Koran oder die Hymne an Anahita im Avesta schön und tiefgehend finden. Wer sich Rumis Werken nur als literarischen Texten nähert muss seinerseits das Recht der Gläubigen respektieren, diese Texte als Wörter eines Heiligen anzusehen und in ihnen nach ewigen Wahrheiten zu suchen. Ebenso muss ein Leser, der Rumi als ergebenen Muslim betrachtet, die anderen Leser des Matnawi tolerieren, die dieses Buch entweder als freigeistigen pantheistischen Text oder nur als literarisches Werk lesen. Reynold Nicholson, der als erster Gelehrter die erste kritische Ausgabe des Matnawi auf Persisch veröffentlicht hat und auch die erste vollständige Übersetzung dieses Buch ins Englische, war intellektuell redlich. Seine Übersetzung ist wortgetreu, er hatte keine religiöse oder mystische Mission und änderte Rumi nicht, um für seine eigenen Ansichten zu werben.
Coleman Barks ist das genaue Gegenteil von Reynold Nicholson. Um Rumi für den amerikanischen Markt umzumodeln und aufzubereiten folgt er dem Weg eines New-Age-Sufis. Er versucht Rumis mystische Auffassungen von ihrem historischen und sozialen Hintergrund zu lösen und sie unserem zeitgenössischen Geschmack anzupassen. Wollen wir uns zum Beispiel auf die grundlegende Auffassung von Liebe ansehen.
Wie ich in meinem Essay "Rumi: Love for God vs Love for a Donkey" diskutiert habe, hat Liebe für Rumi zwei sich gegenseitig ausschließende Aspekte: körperlich und spirituell. Ein männlicher Sufi kann die geistliche Liebe, die Hingabe an Gott, die Propheten und Meister und erreichen, wenn er körperliche Leidenschaft vermeidet. Die Frau hat in den traditionellen Häuseren der Mewlewi-Derwische keinen Platz. Sie verkörpert Lust und tierisches Ego. Ein männlicher Sufi, der sich des Sex nicht enthalten kann, sollte eine Frau nehmen, aber nur aus Zweckmäßigkeit. Sex ist keine natürliche Quelle der Lebensfreude, sondern ein notwendiges Übel und Frauen sind nur die Mittel zu seiner Befriedigung. Das Matnawi ist ein Produkt einer patriarchalischen Gesellschaft und spiegelt alle ihre frauenfeindlichen Vorurteile wider. Natürlich verringert diese dunkle Seite die Bedeutung des Matnawi als Meisterwerk der persischen Literatur nicht; der zeitgenössische Leser schreibt die frauenfeindliche Philosophie gewöhnlich den Beschränkungen von Rumis Zeit zu.
Das gleiche Argument trifft auf die literarischen Meisterwerke anderer Nationen zu. So vermindert die Kritik an Shakespeares Antisemitismus, wie bei dem Geldverleiher Shylock im "Kaufmann von Venedig", der "ein Pfund Fleisch" als Pfand verlangt und schließlich dem Judentum abschwören und zum Christentum konvertieren muss, nicht Shakespeares Rolle in der englischen Literatur. Ein Übersetzer, der Shakespeares Stück ins Persische übersetzen will, würde diesem Autor keinen Dienst erweisen, wenn er die Figur des Shylock verwischen würde. Anstatt dass Coleman Barks die frauenfeindliche und antisexuelle Auffassung von Liebe im persischen Text des Matnawi vermittelt, verzerrt und entstellt er Buchstaben und Geist von Rumis Werk. Zum Beispiel unterstellt er zu Beginn des Kapitels 8 mit dem Titel "Being a Lover: The Sunrise Ruby", dass es bei Rumis Liebe um die Liebe zwischen Mann und Frau geht (Barks 1996, S. 100). Zu Beginn des Kapitels 6 mit dem Titel: "Controlling the Desire-Body: How Did You Kill Your Rooster, Husam?" legt er Rumi die Worte in den Mund, dass die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse, insbesondere die sexuelle Befriedigung, als Bestandteil des Erreichens der Liebe zu Gott zu betrachten sei (Barks 1996, S. 54). Im Kapitel 11 unter dem Titel "Union Gnats Inside the Wine" schreibt er, dass Rumis Liebe mit "großer weiblicher Weisheit" (Barks 1996, S. 124) erfüllt ist. Im Kapitel 16 unter dem Titel "Rough Metaphors: More Teaching Stories" über die Geschichte der Sklavin und dem Esel der Herrin, in der eine Frau infolge einer Kopulation mit einem Esel stirbt, verschiebt Barks die Schuld daran, sich solch eine brutale und erniedrigende Handlung gegenüber einer Frau vorzustellen, vom Dichter auf die Gesellschaft. Im Kapitel 17 ("Salomos Gedichte: Die Entfernte Moschee"), fehlt es Barks am Verständnis daran, dass die Metapher von König Salomo und der Königin von Saba, bei der er "göttliche Weisheit" und sie "körperliche Seele" (Barks 1996, S. 186) verkörpert, auf der Herabsetzung von sowohl "Körper" als auch "Frau" beruht.
Hier erwähnt Barks eine weitere Lieblingsmetapher von Rumi: Jesus und sein Esel. Nach Matthäus 22:1-10 ritt Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein, bevor er gekreuzigt wurde. Für Rumi verkörpert Jesus den Geist/den Mann und sein Esel die körperliche Seele/die Frau, doch Barks stört sich nicht an dieser Metapher. Im Persischen gibt es keinen grammatischen Genus, aber in seiner Version hat Barks häufig das Pronomen der dritten Person Singular "u" zu "er oder sie" übersetzt, als ob Rumi keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen gesehen, sie gleich behandelt und beide Geschlechter als fähig betrachtet hätte, die mystische Wahrheit zu suchen. Das persische Pronomen "u" ist natürlich geschlechtsneutral und der Leser kann das Geschlecht nur aus dem Kontext erschließen. Immer wenn Rumi im Matnawi, das in einer patriarchalischen Gesellschaft geschrieben wurde, die Nomen "salek" oder "darviš" - Anhänger eines mystischen Ordens – gebraucht, meint er grundsätzlich eine männliche Person. Folglich muss, wenn Rumi das Pronomen der dritten Person Singular "u" für "salek" oder "darviš" benutzt, es mit "er" übersetzt werden, und es mit "er oder sie" zu übersetzen, ist eine wesentliche Verzerrung: "nur grammatikalisch ist der liebende Derwisch ein Handelnder / in Wirklichkeit verschwinden mit er oder sie / so aufgelöst in Liebe / alle Eigenschaften des Handelns." (Barks 1996, S. 174)

Die Verfälschung und Entstellung von Rumis grundlegenden Auffassungen ist nicht auf "Liebe" beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf andere Begriffe wie "Wein", "Meister" und "Jesus". Wie ich in meinem Buch "In Search of Joy: A Critique of Death-Oriented and Male-Dominated Culture in Iran" diskutiert habe, hat Rumis "mey-e alast", das ist "der uranfängliche Wein" eine metaphorische und mystische Bedeutung und unterscheidet sich vollkommen vom "Traubenwein" in der Dichtung eines anderen großen klassischen persischen Poeten, Hafez aus Shiraz. Dagegen wird dieser Unterschied im Kapitel 1: "The Tavern: Whoever Brought Me Here Will Have to Take Me Home" ausgelöscht und der Pokal der "Einheit" wird mit Cabernet-Wein gefüllt (Barks 1996, S. 174). Der sklavische Gehorsam des Sufi gegenüber seinem "moršed", seinem Meister, ist ein grundlegendes Konzept in Rumis Mystik und der Hauptgrund dafür, das sein Mevlevi-Orden noch nach 700 Jahren von den Erben der männlichen Nachkommen von Rumis Sohn, Sultan Walad, in der Türkei betrieben wird. Doch am Anfang des Kapitels 12 mit dem Titel "The Sheikh: I have Such a Teacher" wird diese kultische und autoritäre Beziehung als egalitär und ideal dargestellt (Barks 1996, S. 132). Um sein eigenes Bild mit einem Geheimnis zu umgeben schreibt Barks: "… Coleman zu Bawa, Rumi zu Šams" (Barks 1996, S. 291) und legt damit eine Wesensverwandtscchaft zwischen Rumis Meister, Šams-e Tabriz und seinem eigenen ungebildeten Guru Muhammad Raheem Bawa Muhaiyaddeen, einem Qadiri-Sufischeich, der 1971 aus Sri Lanka in die USA gekommen und 1986 in Philadelphia gestorben ist. Um Rumis Reiz für den amerikanischen Markt zu erhöhen, übertreibt Barks die Bedeutung Jesu für Rumi. Im Kapitel 19 "Jesus Poems: The Population of the World: which is dedicated to the allusion of Rumi to Jesus?" behauptet Barks, dass es eine "starke Verbindung" zwischen diesen beiden Persönlichkeiten gibt (Barks 1996, S. 201). Dagegen finden sich im Matnawi mehr Hinweise auf jüdische Propheten wie Moses, Salomo und insbesondere Joseph als auf Jesus.
Trotzdem bedeuten diese Anspielungen auf jüdische oder christliche Propheten nicht, dass Rumi ein besonderes Interesse an einer dieser beiden Religionen hätte. Er bezieht sich auf diese Propheten nur in Übereinstimmung mit islamischer Überlieferung und koranischem Text. Rumi glaubt zum Beispiel nicht, dass Jesus Gottes Sohn war, oder dass Ibrahim Isaak auf dem Berg opfern wollte. Außerdem ist das zahlenmäßige Verhältnis dieser Anspielungen im Vergleich zu Rumis Verweisen auf koranische Verse und islamische Überlieferungen sehr niedrig. Coleman Barks "befreit" Rumi nicht nur von den historischen Beschränkungen seiner Zeit, sondern versucht auch, Rumi von der islamischen Gesellschaft, in der er lebte, und der persischen Sprache, in der er seine Poesie schrieb, zu trennen. Ich habe nie gehört oder gesehen, dass sich Barks in seinen Radiointerviews und TV-Shows auf Rumis kulturelle Wurzeln bezieht, als ob dieser Dichter vom Himmel gefallen wäre und nicht zu einem Land oder einer Kultur gehörte. Das englische Volk betrachtet Shakespeare als Nationalschatz und die Werke dieses Autors habe das Ansehen englischer Literatur und Kultur weltweit angehoben. Doch leider hat infolge der nicht-literarischen und kommerziellen Ziele von Coleman Barks seine populäre Version von Rumi im amerikanischen Publikum kein Interesse an dem Land geschaffen, in dem Rumi aufgewachsen ist, an der Kultur, die er eingeatmet hat, und an der Sprache, in der er seine Dichtung schrieb. Trotz all dieser Beschränkungen und Verzerrungen genieße ich die Schönheit und Einfachheit einiger Rumigedichte, wie sie von Barks popularisiert wurden. Ich wünsche mir nur, dass ein anderer Robert Bly am Horizont erscheint und Barks auffordert, Rumis Dichtung aus Coleman Barks Gefängnis zu befreien und den amerikanischen Leser sich einem ungefesselten Rumi nähern zu lassen,